Noch spricht niemand in Spanien von einem möglichen Crash, wenn die Rede auf den Wohnungsmarkt kommt. »Der Immobilienmarkt wird in den kommenden Jahren deutlich weniger wachsen, das ist wohl nicht mehr abzuwenden«, prognostiziert allerdings Chefvolkswirt José Luis Escrivá von der Bank BBVA. Einen Preissturz wie in Großbritannien in den neunziger Jahren werde es in Spanien jedoch nicht geben. »Wahrscheinlich werden wir jetzt einige Jahre der Stagnation erleben, vereinzelt werden die Preise sicherlich runtergehen«, glaubt auch José Luis Suárez von der spanischen Hochschule Iese. BILD

Dass der Immobilienboom in Spanien sich seinem Ende nähert, dafür, so herrscht Einigkeit, mehren sich die Zeichen. Kauften Ausländer gemäß dem spanischen Statistikamt INE 2003 noch für rund sieben Milliarden Euro Immobilien in Spanien, sank die Zahl vergangenes Jahr auf nur noch rund fünf Milliarden Euro. Wurden 2005 in Spanien noch 640.000 Wohnungen fertig gestellt – und damit ein Drittel aller Neubauten in der Europäischen Union (EU) –, so rechnet die Sparkasse Caja Madrid für 2006 nur noch mit 540.000 fertig gestellten Wohnungen. Auch fielen die Preissteigerungen moderater aus. Waren in der Vergangenheit Zuwachsraten von 17 Prozent keine Seltenheit, so sei in diesem Jahr nur noch mit rund sechs Prozent zu rechnen.

Die Nachfrage sei einfach gesättigt, glaubt Pere Viñolas von der Privatuniversität Esade in Barcelona, vor allem an der zubetonierten Costa del Sol und in Städten wie Madrid, wo der Quadratmeterpreis seit 1997 um 150 Prozent gestiegen sei. Die Bevölkerung wachse bei weitem nicht in demselben Tempo, wie neue Häuserkomplexe entstünden. »Manche Viertel in der Hauptstadt stehen fast leer, weil hier nur auf Spekulation gekauft wurde. Es besteht vereinzelt keine echte Nachfrage«, sagt Viñolas.

Die internationale Mafia hat den Boom mitangeheizt

Spaniens Immobilienmarkt steht vor einer Abkühlung und Marktbereinigung. Dass viele Beobachter in ihren Voraussagen dennoch Vorsicht walten lassen, liegt an der zentralen Bedeutung des Sektors. Viel Geld haben Unternehmen, Banken und Privathaushalte in den seit zehn Jahren boomenden Immobilienmarkt gesteckt, der inzwischen 2,4 Millionen Menschen beschäftigt und knapp elf Prozent des Bruttoinlandsproduktes erwirtschaftet. Dass die spanische Volkswirtschaft seit Jahren mehr als drei Prozent pro Jahr wächst, ist neben dem Konsum vor allem auf den Bausektor zurückzuführen. Die heimische Konjunktur werde die zurückgehende Nachfrage spüren, sagt denn auch BBVA-Ökonom Escrivá.

Auswüchse des Immobilienbooms waren zuletzt überall zu beobachten. In Marbella stieg der Quadratmeterpreis im vergangenen Jahr auf 6.000 Euro, in Madrid ist eine 100-Quadratmeter-Wohnung in einem Neubau nicht unter 400.000 Euro zu haben. Selbst in Dörfern weitab der Hauptstadt sind Wohnungen kaum mehr zu bezahlen.

»Die enorme Korruption im Bausektor ist eindeutig mit schuld an den absurden Preissteigerungen«, sagt Manuel Villoria, Politikwissenschaftler an der Universität König Juan Carlos in Madrid. Erst vor wenigen Monaten wurde die Stadtregierung in Marbella ihres Amtes enthoben, weil vor allem das Bauamt geschmiert worden war. Auch die Bürgermeisterin hatte sich an der Spekulation beteiligt. Die Kassen der Stadt waren leer, und wie viele spanische Lokalpolitiker hatte sie ein Interesse an steigenden Grundstückpreisen und Neubauten. Ersteres, weil sie so mehr Grundsteuer verlangen konnte. Zweiteres, weil Bauunternehmen bisher bei der Freigabe von Bauland anteilig zum Grundstückswert Gemeindebauten finanzierten. Weil die Städte auf das Geld angewiesen waren, wurde in den vergangenen Jahren immer mehr Bauland ausgewiesen. »Teilweise ohne Plan. Nicht wenige Bürgermeister haben sich dabei einen Extralohn in die Tasche gesteckt«, sagt Villoria.