Das Lachen der Vernunft – Seite 1

Dichter können die Welt nicht verändern? Zuweilen doch. Der Dichter Robert Gernhardt jedenfalls hat die Welt verändert, indem er seine Leser verändert hat, und seine Leser zählen nach Millionen. Er hat sie zum Lachen gebracht, aber das war kein hämisches, gemeines Lachen, sondern das Lachen der Vernunft über die Unvernunft, der Intelligenz über die Dummheit, und es war das Lachen über sich selber.

Robert Gernhardt hat die Welt heller, lichter gemacht. Eine seiner schönsten Sammlungen trägt den Titel Lichte Gedichte (1997). Dabei war er nicht der ewig gut gelaunte Frohsinnstyp, sondern ein manchmal grüblerischer, melancholischer Mensch, und als ihn schwere Krankheiten, erst der Infarkt, dann der Krebs, immer mehr quälten, waren seine Gedichte kaum mehr zum Lachen, sie wurden wortkarg, lakonisch bis zum Minimalistischen. Aber klar blieben sie bis zuletzt, dem Undurchsichtig-Dunklen blieb er feind.

So hell und schnell sein Witz auch wirkte, und seine Schlagfertigkeit war berühmt, so war er doch im Grunde ein langsamer, ein gründlicher Denker, der die Dinge und die Worte so lange anblickte, bis sie zurückblickten (wie Karl Kraus gesagt hat) und einen andern Sinn enthüllten. »Es gibt«, so Gernhardt, »fließende Übergänge, ja Komplizenschaft zwischen Ernst und Unernst, zwischen Pathos und Lächerlichkeit, Sinn und Nichtsinn.« Diese Komplizenschaft hat er sich in seinen Gedichten, Erzählungen und Zeichnungen virtuos dienstbar gemacht, und deshalb führt der Versuch, den Komiker Gernhardt dadurch zu adeln, dass man ihm den Schmerzensdichter Gernhardt gegenüberstellt, in die Irre. Als ob einer, der uns zum Lachen bringt, nicht ganz so ernst zu nehmen wäre wie einer, der uns weinen macht. Und manche Gedichte sind zum Weinen komisch:

Dich will ich loben: Häßliches,
du hast so was Verläßliches.
Das Schöne schwindet, scheidet, flieht –
fast tut es weh, wenn man es sieht.
Wer Schönes anschaut, spürt die Zeit,
und Zeit meint stets: Bald ist‘s soweit.
Das Schöne gibt uns Grund zur Trauer.
Das Häßliche erfreut durch Dauer.

Die literarische Tradition, in die Gernhardt gehört, ist mit Namen wie Heinrich Heine und Wilhelm Busch, Kurt Tucholsky und Erich Kästner bezeichnet. Wie reich diese Tradition ist, anders als das Klischee von der in die Schwermut verliebten deutschen Literatur es will, hat er in seiner Anthologie über das komische Gedicht demonstriert (Hell und schnell – 555 komische Gedichte aus 5 Jahrhunderten, 2004). Er war einer der besten Kenner der Lyrik überhaupt. Gernhardts Aufsätze, etwa der über Schillers Gedichte (ZEIT Nr. 02/05) oder der über Höllerers Transit- Anthologie (jüngst in der FAZ), sind ebenso scharfsinnig wie glanzvoll.

Das komische Gedicht, hat Gernhardt einmal bemerkt, bedürfe des Regelwerks, weil die Komik aus dem Spiel mit Reim und Metrik entstehe. Der Reim selber habe etwas latent Komisches. Spielen kann damit nur, wer ihn beherrscht, und Gernhardt beherrschte das Regelwerk der Poesie vollkommen. Er war ein Stimmenimitator, ein Tonfallschwindelentlarver, ein Reimkünstler höchsten Grades. Sein Gedicht Bekenntnis lautet:

Ich leide an Versagensangst,
besonders wenn ich dichte.
Und diese Angst, die machte mir
manch schönen Reim zuschanden.

Das Lachen der Vernunft – Seite 2

Gernhardt hatte als Maler und Zeichner begonnen, eine Doppelbegabung wie Wilhelm Busch. Als er sich 1978 im ZEIT magazin, für das er über Jahre die Kolumne Hier spricht der Dichter geschrieben und gezeichnet hat, selber vorstellte, schrieb er: »Seit der Mitte der sechziger Jahre griff ich immer häufiger zum Wort. Oder soll ich sagen, das Wort griff nach mir? Nein? Gut, kein Wort mehr.«

Das Wort, das nach ihm griff, war nicht selten das öffentliche Geschwätz, das er dann, zusammen mit F.W. Bernstein und F.K. Waechter, in der Pardon- Beilage Welt im Spiegel (1964 bis 1976) bloßgestellt und kenntlich gemacht hat. Wer diese Höhepunkte der Parodie, diese bizarren Kompositionen aus Text und Bild nachliest und nachschaut, findet darin eine ganze Epoche auf den Begriff gebracht, den sie von sich selber nicht hatte, und vieles davon, etwa die köstlichen Leitartikelparodien, wirkt noch heute. Gernhardt hat dann in der von ihm mitgegründeten Satirezeitschrift Titanic zahllose Beiträge verfasst, etwa die legendäre Rezension der Wäschekataloge großer Versandhäuser Das Ziehen der Damen am Hemdchen, ein Meilenstein der Wäschekritik, so wie seine Kolumne Humorkritik zu einem Meilenstein essayistischer Prosa wurde.

Aber Gernhardt hat etwas erreicht, was nur sehr wenigen Dichtern vergönnt ist, nämlich hinauszukommen aus dem Kreis der Kenner. Ich erinnere mich an einen Abend im fast ausverkauften Deutschen Schauspielhaus zu Hamburg, als es ihm gelang, das Publikum in den Bann seines Unsinns und Tiefsinns zu schlagen, dieser einsame Dichter da vorne im Scheinwerferkegel, ausgestattet mit nichts als einem Mikrofon und seinen Gedichten. Da war er zum Volksdichter geworden. Denn alle, auch die, die ihn kaum kannten, kannten seine Sprüche und Weisheiten auswendig, als ob sie längst Gemeingut geworden wären: »Der Panther, der Panther / Erst lag er, dann stand er / wodurch er so erschrak / daß er bald wieder lag.« Oder dies: »Die Basis sprach zum Überbau: / ›Du bist ja heut schon wieder blau!‹ / Da sprach der Überbau zur Basis: / ›Was is?‹« Und sein beliebtes Gebet, das kann ja nun wirklich ein jeder:

Lieber Gott, nimm es hin,
daß ich was Besond’res bin.
Und gib ruhig einmal zu,
daß ich klüger bin als du.
Preise künftig meinen Namen,
denn sonst setzt es etwas. Amen.

Am vergangenen Freitag ist Robert Gernhardt in Frankfurt am Main gestorben, 68 Jahre alt. Dem lieben Gott ist längst schon klar, dass dieser Dichter was Besond’res war.