Manchmal, leider viel zu selten, hat man im Kino das schöne Gefühl, einen Menschen wirklich zu begleiten. Man erlebt den Ausschnitt eines Lebens, folgt dem Helden oder der Heldin ein Stück des Weges und trennt sich wieder. Henner Wincklers Film Lucy ist eine solche Leinwandbegegnung in Freiheit und auf Augenhöhe. Mit einer rätselhaften Präsenz, die ungewohnt erscheint, obwohl sie doch eigentlich zum Leben gehört, ist seine Heldin, die 18-jährige Maggy, einfach da. So wie das Neugeborene, das wohl ihre Tochter ist. So wie der Freund, der abends zum Babysitten kommt und sich offenbar mehr erhofft hat. So wie die Frau, die morgens die Küche mit dieser typischen Gereiztheit betritt, die nur die Mütter halbwüchsiger Töchter verbreiten können.

Auf den ersten Blick ereignet sich nicht viel in Wincklers Film. Maggy (Kim Schnitzer) lernt den 25-jährigen Gordon (Gordon Schmidt) kennen, der nachts in Clubs jobbt und per eBay Elektronik vertickt. Mit der kleinen Lucy zieht sie zu ihm und versucht eine Art Familienleben zu führen. Wir wissen nicht, ob Gordon für Maggys Tochter tatsächlich ein neuer Vater sein will oder einfach nur verliebt ist oder beides. Jedenfalls wird eine Waschmaschine gekauft und in die Wohnung geschleppt, aber nie angeschlossen.

Schon in seinem Regiedebüt Klassenfahrt folgte Henner Winckler seinen Figuren, einer Hand voll Berliner Schüler, an die polnische Ostsee, ohne dass sich sein Film krampfhaft zu einer Geschichte runden musste. Und schon in diesem Erstling brachte er mit unglaublicher Beobachtungsgabe das Teenie-Dasein und seine verdruckste Sprache auf die Leinwand. All die spätpubertären Codes und Tonlagen, in denen sich Unsicherheit und schlechte Laune, Coolness und die heimliche Sehnsucht nach Nähe nicht wirklich unterscheiden lassen. In Lucy sorgen die knappen, aus den grauen Nebeln der Adoleszenz aufsteigenden Dialoge immer wieder für zarte Komik. Etwa wenn sich Maggys Mutter (Feo Aladag) genervt nach dem Status des letzten Übernachtungsgastes ihrer Tochter erkundigt. Und diese im Steno-Stil antwortet: "’n Freund."

Dass in Lucy kaum etwas passiert, heißt natürlich nicht, dass wenig geschieht. Im Gegenteil. Wer sich auf Wincklers Blick, auf die ruhigen klaren Bilder seiner Kamerafrau Christine A. Maier und den lakonischen Schnittrhythmus von Bettina Böhler einlässt, der wird all die kleinen Beobachtungen zu einem Berliner Entwicklungsroman der Gegenwart zusammensetzen. Er handelt von einem Mädchen, das sich nach dem Beziehungsglück sehnt, aber nicht so recht weiß, wie es zu leben ist. Von der Schwierigkeit, am Samstagabend, wenn alle ausgehen, am Babybettchen zu sitzen. Von einem Familienversuch zwischen Videospielen, Partys und langsamer Entfremdung. Es ist ein Roman, der seiner Heldin, die sich ungemein erwachsen fühlt, beim Erwachsenwerden zuschaut. Und dem es gelingt, mit einer einzigen zögerlichen Umarmung von Mutter und Tochter alles über den Zwiespalt einer Halbwüchsigen zu erzählen, die ein Kind mit Kind ist.

Und weil dieser Film seiner Heldin keinen Schritt voraus ist, erfahren wir gemeinsam mit Maggy, dass sie ihre Familie nicht bei der Mutter finden wird, nicht beim neuen Freund und auch nicht beim Kindsvater, einem Schüler mit HipHop-Postern im Zimmer. Vielleicht ist Familie auch nur ein Blick: auf ein Baby. Auf Lucy, die erst am Schluss und durch diesen Blick zum eigentlichen Kind des Films wird.