Die Häftlinge der Justizvollzugsanstalt Leipzig genießen die Sonne, lassen blasse Beine durchs Fenster baumeln oder sich durchs Gitter ein Karomuster auf den Rücken brennen. Das Besuchergrüppchen unten im Hof begrüßen sie mit fröhlichem Gejohle. »Ich liebe euch alle!«, ruft einer der »Knackis«. Sichtlich verlegen, erwidern die zehn Studenten, die zusammen mit ihrer Dozentin You Il Kang um die Gebäude streifen, den ungewohnten Gruß. BILD

Dass sie in diesem Milieu fremdeln, ist kein Wunder. Schließlich gehören sie nicht zu einer der hier häufiger anzutreffenden Juristen oder Sozialarbeiter, sondern sind angehende Dichter und Romanciers. Sie studieren am Leipziger Literaturinstitut, der einzigen Einrichtung in Deutschland, in der literarisches Schreiben als Wissenschaft betrieben wird – in einem eigenen Studiengang mit Diplomabschluss. Und nach Erreichen des Studienziels hofft so mancher von ihnen auf eine schriftstellerische Karriere.

Genau aus diesem Grund sind sie nun hier. Denn in den Seminaren You Il Kangs wird nicht nur die Theorie gepflegt, sondern in speziellen Exkursionen auch das erkundet, was man gern das »pralle Leben« nennt. Im vergangenen Semester ist die südkoreanische Schriftstellerin mit ihren Studenten im Bordell gewesen (was ihr unter Deutschlands Dozenten zu einer gewissen Prominenz verholfen hat), heute steht die Wirklichkeit hinter Gittern auf dem Lehrplan.

Leider, so entschuldigt sich Frau Kang, sei es ihr diesmal nicht gelungen, ein persönliches Treffen mit einem der Insassen, »einem Mörder oder so«, zustande zu bringen. Stattdessen müssen sich die Studenten mit einer Führung von Andreas Lewick, dem stellvertretenden Sicherheitsbeauftragten der Anstalt, zufrieden geben. Eloquent, zackig und unter martialischem Schlüsselgerassel, führt er sie durch sein Reich: ein Betrieb, der fast den Eindruck einer stramm organisierten Jugendherberge vermittelt – wäre da nicht das unablässige Auf- und Zuschließen.

Der Ausflug ist mehr als eine pädagogische Klassenfahrt. You Il Kang will ihren künftigen Schriftstellern Einblicke in Aspekte des menschlichen Daseins verschaffen, zu denen sie sonst keinen Zugang haben. In den zehn Jahren, die sie nun in Leipzig ist, zunächst als Studentin, seit fünf Jahren als Dozentin, fiel ihr immer wieder auf: »Es gibt wunderbare Theorieseminare, da kann man sehr gut lernen, aber das ist nur Basis, das ist nicht genug«, und entschuldigt sich für ihr »leider schlechtes Deutsch«. So zeichneten sich die Erstlingswerke vieler Studenten zwar durch tief empfundenes Gefühl aus, die Storys jedoch ließen an Stimmigkeit oft ebenso zu wünschen übrig wie an Handlung, Details, Ambiente und Atmosphäre.

Deshalb bittet sie ihre Studenten in jedem Semester zu ganz besonderen Ortsterminen. Am schwierigsten zu organisieren sei dabei der Bordellbesuch gewesen; die Prostituierten würden schärfer bewacht als die Gefangenen, erzählt Frau Kang. Vergleichsweise offen war dagegen die Gerichtsmedizin, wohin ein anderer Seminarausflug führte. Damals hätten die Mutigsten der Studiosi gar ein wenig an einer Leiche mit herumgeschnibbelt.

Hans-Ulrich Treichel, der jetzige Institutsleiter und selbst ein gestandener Romanautor, hat einmal gesagt, dass man literarisches Schreiben wohl lehren, aber nicht lernen könne, denn »Handwerk allein macht noch keinen Schriftsteller aus«. Und You Il Kang würde dieser Ansicht ihres Chefs schon aus Höflichkeit nicht gänzlich widersprechen. Gleichwohl schätzt sie die Bedeutung von handwerklichem Können für die Schriftstellerei hoch ein. Eine gute Geschichte brauche mehr als Empfindsamkeit, es gehe um andere Dimensionen der Erfahrung, man müsse den Alltag sehen, die schlichte Fassade, einen Tatort, eine Waffe, eine Leiche. »Die eigene Erfahrung, das ist zu wenig.«