An keinem Politiker der Bundesrepublik haben sich die Geister so geschieden wie an Herbert Wehner, dem ebenso verehrten wie gefürchteten Zuchtmeister der SPD-Bundestagsfraktion. Keiner ist aber auch so diffamiert und dämonisiert worden wie er. Der Grund lag in seinem ungewöhnlichen Werdegang: Wehner war der einzige Spitzenpolitiker der SPD nach 1945, der zuvor eine führende Funktion in der Kommunistischen Partei Deutschlands bekleidet hatte. Alle Spekulationen und Verdächtigungen zielten immer wieder auf diesen einen Punkt: seine kommunistische Vergangenheit. BILD
So nimmt es nicht wunder, dass die Historiker sich vor allem für die frühe Phase dieser Biografie interessiert haben. 1991, ein Jahr nach dem Tod des SPD-Politikers, veröffentlichte Hartmut Soell eine Monografie Der junge Wehner , die ausführlich auch auf die Jahre in Moskau in den dreißiger Jahren einging. Vier Jahre später folgte Michael F. Scholz mit einer Studie über Herbert Wehner in Schweden 1941–1946. 2002 spürte August H. Leugers-Scherzberg den Wandlungen Herbert Wehners vom Kommunisten zum Sozialdemokraten nach. Und 2004 fasste Reinhard Müller seine Recherchen über die Rolle Wehners während der Phase der stalinistischen Säuberungen in einem Band zusammen: Herbert Wehner – Moskau 1937.
Eine das gesamte Leben umspannende Biografie gab es jedoch bislang nicht. Die hat nun Christoph Meyer, rechtzeitig zum 100. Geburtstag Wehners am 11. Juli, geschrieben. Der Autor ist Leiter des Herbert-Wehner-Bildungswerks in Dresden. Als solcher genießt er das Vertrauen Greta Wehners, der 1996 nach Dresden gezogenen Witwe. Sie öffnete ihm auch den Zugang zu privaten Unterlagen, darunter die umfangreiche Korrespondenz Wehners mit seiner wichtigsten Gesprächspartnerin Lotte Burmester, ihrer Mutter, mit der Wehner seit dem Exil in Schweden liiert war und die er 1953 geheiratet hatte. Gerade dieser Briefwechsel, aus dem Meyer immer wieder ausgiebig zitiert, erweist sich als ein Schlüssel zum Verständnis des äußerlich so schroff und verschlossen wirkenden Politikers.
Eine privilegierte Nutzung privater Quellen kann zum Problem werden – dann nämlich, wenn darüber die kritische Distanz verloren geht. Christoph Meyer ist dieser Gefahr glücklicherweise fast immer entgangen. Zwar macht er aus seiner Grundsympathie mit Wehner keinen Hehl, doch ist er von Heldenverehrung weit entfernt. Die Darstellung ist betont nüchtern, unprätentiös gehalten, im Urteil behutsam abwägend, frei von billiger Polemik oder blinder Apologie.
Das gilt auch für das dunkelste Kapitel in Wehners Leben – die vier Jahre in Moskau von 1937 bis 1941, jene Zeit des »Großen Terrors« also, in der auch viele emigrierte deutsche Kommunisten von Stalins Schergen ermordet wurden. Meyer schildert die beklemmende Atmosphäre im Hotel Lux, und er lässt keinen Zweifel daran, dass Wehner im Bestreben, den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, andere Genossen belastete und sich immer tiefer in die mörderische Inquisitionspraxis verstrickte. Zugleich nimmt er seinen Protagonisten aber auch gegen die überzogenen Vorwürfe Reinhard Müllers in Schutz, der nicht müde wird, Wehner zu einem der willfährigsten und effizientesten Büttel der stalinistischen Verfolgungsmaschinerie zu stilisieren. Demgegenüber stellt Meyer fest: »Herbert Wehner mit Blick auf seine Moskauer Jahre in die Kategorie ›Täter‹ oder ›Opfer‹ einordnen zu wollen führt nicht weiter.«
Christoph Meyer sieht die zweite Lebenshälfte Wehners als »tätige Wiedergutmachung für die Irrtümer der ersten«. Deshalb legt er den Hauptakzent auch auf die Arbeit für die Sozialdemokratie. Den ersten vier Jahrzehnten, in denen der Dresdener Arbeitersohn sich vom ungestümen Anarchisten zum linientreuen Parteisoldaten wandelte, um schließlich in einem langen, schmerzhaften Prozess der Selbstbefragung mit dem Kommunismus zu brechen, widmet er die ersten 100 Seiten seines Buches; die restlichen 400 Seiten gehören den vier Jahrzehnten nach 1946, in denen der Rückkehrer aus Schweden in der Hamburger SPD Fuß fasste und seit 1949 den Wahlkreis Harburg im Bundestag vertrat, wo er sich als einer der wort- und wirkungsmächtigsten Parlamentarier profilierte.
Ursprünglich hatte Wehner gar nicht für den Bundestag kandidieren wollen. Sie würden ihm dort »täglich bei lebendigem Leibe die Haut« abziehen, hatte er dem SPD-Parteivorsitzenden Kurt Schumacher zu bedenken gegeben, doch Schumacher hatte ihm geantwortet: »Das wirst du auch aushalten.« Liest man nun bei Christoph Meyer, was CDU und CSU alles anstellten, um Wehner zur Strecke zu bringen, so traut man seinen Augen kaum, wie so etwas in der »geglückten Demokratie« (Edgar Wolfrum) der Bundesrepublik möglich war. Im Bundestagswahlkampf von 1953 behauptete Konrad Adenauer, Wehner verkörpere den »russischen Einfluss« in der SPD. Nach der Wahl schrieb Wehner dem Bundeskanzler einen Brief mit der Bitte, solche Verleumdungen künftig zu unterlassen. Das Schreiben blieb unbeantwortet.