Schriftsteller, Feuilletonisten und Fußball-Philosophen übertreffen sich derzeit gegenseitig beim Versuch, den früheren Proletensport als wahres Ästhetikum wahrzunehmen. Was uns dabei gerade noch fehlte, ist die Suche nach den poetischen Elementen, aus denen sich das Schauspiel Fußball zusammensetzt. Damit liefert uns der Berliner Sportsoziologe Gunter Gebauer eine weitere Variante zur derzeit grassierenden Stilisierung des Kickens. Sein Thema ist allerdings eher die »Ästhetik des Niederen« als die Verkunstung von Zidane-Pässen und Ronaldinho-Hebern. Denn »hässlich, gemein und moralisch krumm« gehe es im Fußball zu wie in Dramen des Theaters, Films und der Politik. Und wir schauen auch noch lustvoll dabei zu, weil wir uns nach Größe und Macht so sehnen und nach Helden Ausschau halten. Da mögen unsere lorbeerumkränzten Fußballamazonen ihren männlichen Pendants viele Titel voraushaben, für Gebauer führt dennoch kein Weg an der bestürzenden Geschlechterdifferenz vorbei, dass die gewaltbereite »Bewegung des Wegtretens« typisch männlich sei, während die sportdisziplinäre Angemessenheit der zarten Erotik eines Frauenfußes wohl eher im Eiskunstlauf oder Synchronschwimmen zu suchen sei. Ansonsten wolle die Frau im Stadion »stolz auf ihre Jungs« sein, ohne einer Protektionserwartung widerstehen zu können: »In der Mythologie des Tors wird die Metapher des Hauses der Familie entwickelt, das die Männer zu hüten haben.«

Der Autor versucht die Ambivalenzen des Balles in einem meditativen Netz von theoretischen Annahmen einzufangen. Doch seine kühnen Steilpässe sind häufig nur schwer zu erlaufen, zumal Gebauer das memorative Kurzpassspiel sträflich vernachlässigt. Denn was wäre der Fußball ohne das präsente historische Exempel oder die schwelgerische Anekdote, welchen der Autor indirekt attestiert, dass es gerade im Fußball »kein Veralten im epischen Raum« gebe?

Helmut Böttiger gehört zu jenen geschmäcklerischen Fußball-Betrachtern, die mit der deutscherseits bevorzugten Art von Ballbehandlung – vulgo: teutonische Rackertugenden! – fertig sind. Dennoch: Sein Netzerismus hat sich ausgeschnalzt. Die Suche nach einem flankengöttlichen Blondschopf mit der Nummer 10 ist eingestellt, und von seinem einst so umschwärmten Alternativprojekt SC Freiburg ist nur noch das Guinness Buch- verdächtige Sitzfleisch des Trainers geblieben, in 15 Jahren drei Abstiege überstanden zu haben.

Man müsse Fußball und Literatur zusammendenken, lautet seine ambitiöse Devise. So führt ihn die unstillbare Sehnsucht nach dem schönen Kicken zu Pasolinis einstiger Kampfansage an die taktischen Räsonnements eines bloß ergebnisorientierten Zwecks – oder neuerdings »Systemfußballs«; die Lyrik der brasilianischen Seleção oder die kärgliche Prosa des italienischen Catenaccio, lautet die klischeehaft überzogene Alternative.

Ansonsten beginnt die Suche nach einer künstlerischen Dimension des Fußballs in deutschen Landen am alten Nürnberger Zabo bei Kultreporter Günther Koch, der jedes Mal einen »Ruck durch den Äther« auszulösen scheint: »Der Yogi Lieberwirth versucht den Ball zu streicheln. Das ist höchst gefährlich, denn der Ball ist heut sehr eigenwillig.« Böttiger verharrt auch nostalgisch beim »mythischen Schwarz-Weiß« der alten Sportschau von Ernst Huberty und Adi Furler mit ihrem »unwiederholbaren, durch viele unwägbare Situationen geschulten Zusammenspiel von Fernsehleuten und Zuschauern«.

In Bausch und Bogen will auch der literarisch beschwingte Fußballgenießer Klinsmanns Motivationsversuche nicht verurteilen. Dieser habe immerhin eine in strukturkonservativen DFB-Landen kaum für möglich gehaltene »Aufbruchstimmung« erzeugt und ein paar ansehnliche Jungtalente gefördert. Am wichtigsten jedoch scheint Böttiger die Wiederkehr jener Trainertugend, mit der einst der alte Weisweiler seinen verspielten Dribbler Littbarski gewähren ließ: »Man darf Fehler machen.«