Aufnahmen, die unter dem Eindruck unheilbarer Krankheiten entstehen, haben ihr eigenes Pathos. Famous last words: Der Künstler weiß, was bald auch das Publikum wissen wird, dass alles zum letzten Mal geschieht, dass danach nichts mehr kommt. In einem finalen Akt der Selbstvergewisserung rafft er Mittel und Möglichkeiten zusammen, prüft die Tradition, aus der er kommt, und fragt, was davon bleiben wird, dies alles in der Hoffnung, es möge unterm Strich nicht zu wenig sein. Dass mit dem Erlöschen des eigenen Ausdrucksvermögens zugleich eine Ära zu Ende ginge, das allerdings können die wenigsten von sich behaupten. Ali Farka Touré, geboren 1939, gestorben am 7. März 2006 BILD

Als der afrikanische Gitarrist und Sänger Ali Farka Touré zur Session in ein Hotel am Niger rief, wusste er längst, dass der Krebs in seinen Knochen nicht zu besiegen sein würde. Also versammelte er Männer und Frauen seines Vertrauens um sich, packte das Instrument aus, das er seit langem schon nicht mehr angerührt hatte, er grub im Fundus eines in mehr als sechzig Jahren zustande gekommenen Repertoires nach Melodien und Rhythmen, die er den Mikrofonen einer mobilen, eigens zu diesem Zweck von der Londoner Plattenfirma World Circuit herangekarrten Aufnahmeapparatur anvertraute, auf dass noch einmal zusammenkomme, was den großen Ali zu Lebzeiten auszeichnete. Und sage keiner, es sei eine Kleinigkeit.

Die Bilder, die Firmenchef Nick Gold von den Arbeiten an Alis letztem, Savane betiteltem Album anfertigen ließ, zeigen nicht einfach einen Artisten bei der Vollstreckung seines Testaments, sie führen vor, wie ein sterbender König Hof hält. Ehrerbietig nähern sich die erwählten Mitmusikanten, küssen die Hand des Meisters, bevor sie, in ihrer Heimat Mali selbst hochgerühmte Instrumentalisten, mit einer für Westeuropäer erstaunlichen Klaglosigkeit den ihnen zugewiesenen Platz einnehmen. Selbst die angereisten Männer hinter den Reglern sind bloße Erfüllungsgehilfen eines höheren Plans, Ali ist es, der den Prozess mit seiner natürlichen Autorität vorantreibt, hier den Groove vorgibt, dort mit gebieterischer Geste verwirft. Erst als der letzte Ton so sitzt, wie er ihn in seinem Kopf hört, entspannt sich seine Miene: Jetzt kann die Musik hinaus, zu den Hörern.

Es bedarf keiner prophetischen Gabe, um vorherzusagen, dass sie im wachsenden Segment »World Music« ein begeistertes Publikum finden wird. Savane hat alles, was Klängen aus Mali in den letzten Jahren einen kleinen Exportboom bescherte: die kargen Blue Notes, die keiner so trocken aus dem Handgelenk zu schütteln verstand wie Ali Farka Touré, die Call-and-Response-Gesänge mit ihrem Echo ländlicher Traditionen, die mystische Anmutung, die aus der Tatsache resultiert, dass Sänger in Westafrika eine weitenteils noch lebendige Kommunikation mit den Geistern von Fluss und Steppe unterhalten. Sie sind Privilegierte, die die Lebenden mit Nachrichten aus Dies- und Jenseits versorgen. Auch ungeübte Ohren verstehen auf Anhieb, dass hier die Quersumme eines außergewöhnlichen Musikerlebens gezogen wird. Weit schwerer fällt es, die Faszination in Worte zu fassen.

Mit dem Niger-Strom ist Alis Kunst verglichen worden, aber auch mit seiner Antithese, der Wüste im Norden. Flüchtig wie die Dünenkämme der Sahara soll sie sein und zugleich verwurzelt in Afrikas roter Erde – und klingt nicht manches wie ein Blues? Zum dunklen Kontinent gelangt die westliche Musikkritik stets nur auf metaphorischen Krücken, Bilder müssen einspringen, wenn die Sprache gewohntes Terrain verlässt, und wenn nichts mehr geht, kommt die Kamera zum Einsatz. Golds Dokumentation zeigt, was schon viele Reisende vor ihm in der Statur des Patriarchen gesehen haben: einen malerischen Bluesbauern, der in seinem Heimatdorf Niafunké bei Timbuktu unter schattenspendenden Bäumen sitzt und traumverloren einige Akkorde auf der Gitarre zupft, sie folgt ihm hinaus auf die Wasser des Nigers, wo wie seit tausend Jahren die Schifflein vorüberziehen und die Abendsonne auf den Wellen glitzert.

Der Blues und der große Fluss – sie wenigstens suggerieren einen Zugang zum Unzugänglichen, neue Nahrung für die alte These von den gemeinsamen Wurzeln westafrikanischer und afroamerikanischer Musikstile: Der Mississippi liegt am Niger, hier fließt alles zusammen. Ali, der in Niafunké das Amt eines Bürgermeisters bekleidete, das Geld aus seinen Schallplattenaufnahmen in Bewässerungsprojekte für die Savannenlandschaft steckte, hat dieser Sicht – allerdings in einer stark afro- und zugleich egozentrischen Variante – stets zugestimmt. Er selbst, pflegte er gleichnishaft zu verkünden, sei im Besitz von Stamm und Wurzeln, die anderen stellten nichts als Zweige dar. Was wiederum neue Mali-Pilger auf der Suche nach dem Eigenen im Fremden anzog. Doch bei so viel Spekulation sind Sinnestäuschungen an der Tagesordnung.

In Wahrheit gibt es zwar formale Übereinstimmungen: die Pentatonik, den weitgehenden Verzicht auf Akkordprogressionen und Tonartwechsel. Vergleichende Studien würden vermutlich ergeben, dass der König der Wüstengitarre mehr von John Lee Hooker und Otis Redding gelernt hat, als er zeit seines Lebens zuzugeben bereit war, und bereits die Übertragung traditioneller Weisen auf die sechs Saiten des Instruments ist ein kultureller Transfer. Alles andere macht einen Unterschied ums Ganze, denn Ali verkörpert eine Musik vor dem Sündenfall. Wo der amerikanische Blues das Schicksal der Verschleppung beklagt, verhandelt er in den Dialekten der Peul, Sonrai und Zarma Themen des Ackerbaus und der Viehzucht. Und wo mancher Entwurzelte dem Schnaps verfiel, weiß er sich eins mit der Landschaft, aus der er hervorgegangen ist.