Vor der Ölkrise 1974 fragte einer der einflussreichsten Männer der arabischen Welt: »Warum das Öl fördern, das unser Brot und Butter, unsere Stärke ist, und es für eine unsichere Papierwährung verkaufen?« Das sagte der kuwaitische Ölminister 1972. Wenig später forderten die Ölstaaten am Golf Amerika auf, jegliche Hilfe für Israel zu stoppen, sie schraubten die Ölproduktion runter und den Ölpreis rauf. Die Weltwirtschaft stürzte in die Krise. Gasförderung in der Nordsee BILD

Vor kurzem hatte Russlands Präsident für sein Land und dessen Energiereserven eine Metapher parat. Ein Junge kommt in einen Garten und hält einen Schokoriegel in der Hand. Die anderen Kinder sagen: »Gib uns was ab!« Daraufhin der Junge: »Und was krieg ich dafür?« Heute stehen die Öl- und Gaspreise schon auf schwindelnden Höhen. Was will Putin noch?

Öl und Gas sind Machtfragen, das hatten wir in den Zeiten niedriger Preise während der neunziger Jahre fast vergessen. Wer diese Treibmittel des industriellen Zeitalters nicht unter seiner Erde besitzt, zahlt auf jeden Fall mit Geld dafür, doch gefordert wird manchmal auch Botmäßigkeit. Der Westen konnte sich 1974 aus dem Griff der Opec befreien – durch Erschließung neuer Rohstofflager jenseits des Golfs, durch neue Lieferländer. Fraglich ist, ob die Europäer und Amerikaner heute noch einmal solch eine Chance haben.

An diesem Wochenende lädt Wladimir Putin zum G8-Treffen wichtiger Industrienationen nach St. Petersburg. Er preist sein Land als Öldorado, mit dessen Hilfe sich der Westen noch jahrzehntelang Geländewagen als städtische Bordsteinzierde und 15 Grad kühle Büros im Hochsommer leisten kann. Das Treffen beim Herrn der Röhren erinnert indes mehr an die Konferenzen im 19. und 20. Jahrhundert, als die Führer der Großmächte um Kompromisse rangen, während ihre Armeen auf den Schlachtfeldern kämpften. Heute wollen Russland, Amerika und China die Ressourcen des eurasischen Kontinents aufteilen, derweil die EU-Länder ratlos zusehen. Neue Allianzen entstehen. China einigt Zentralasien, Russland und Iran rücken zusammen, um Amerika und Europa abzudrängen. Besichtigen wir den Kampfplatz und die Strategen.

In Shanghai treffen sich Russen und Chinesen, um die USA rauszuhalten

In Russland veranstaltet die Regierung täglich Energiegipfel, so wichtig nimmt sie ihre Ressourcen. Beim Gas ist das Flächenland – anders als beim flexiblen Öl – eine Weltmacht. Es verfügt über 27 Prozent der globalen Erdgasreserven, der Staatskonzern Gasprom besitzt das größte Pipelinesystem der Welt. Wie unangenehm es sein kann, sich mit diesem Koloss anzulegen, hat vor einem halben Jahr die Ukraine gespürt. Die eiskalte Entscheidung Gasproms, den Ukrainern im Winter das Gas abzustellen, weil die eine Vervierfachung der Preise nicht akzeptieren wollten, galt vielen im Westen als sowjetimperialer Reflex. Ein Missverständnis.

Die Kremlbesatzung hat ihre Geschichtslektion gelernt. Sie sind Kapitalisten geworden. Statt auf Leninismus, T-72-Panzer und Jurij Gagarin im All setzen sie auf Exporterfolge, Marktbeherrschung und Preisdiktat. Ihr Ziel ist umfassender als das der arabischen Möchtegernmonopolisten von 1974. Gasprom will die Quellen, die Transportwege und die Absatzmärkte in eine, in seine Hand bekommen. Das ist so, als hätten die Scheichs vor 30 Jahren nicht nur Öltürme, sondern auch die Tanker und die Aral-Tankstellen besessen. Gasfackel, Jamal-Halbinsel BILD

Beginnen wir an diesem Ende, beim Verbraucher in Europa. Die Europäische Kommission möchte die Energiemärkte von staatlichem Dirigismus befreien. Das findet Gasprom absolut richtig – in der EU. Moskau hat Kenner des fast freien Markts angeworben: Ex-Kanzler Gerhard Schröder und den Ex-Stasi-Agenten Matthias Warnig für die Ostseepipeline von Russland nach Deutschland, den Ex-DDR-Beauftragten für Gasleitungsbau, Hans-Joachim Gornig, für die Berliner ZZG, Gasproms Europaverkaufszentrale. In Deutschland hat Gasprom gerade seinen Anteil an der BASF-Vermarktungsgesellschaft Wingas auf 50 Prozent aufgestockt, im Tausch für eine 25-Prozent-Beteiligung der BASF an einem sibirischen Gasfeld.

Im EU-Neuland, in Polen, Litauen und anderswo, hat sich Gasprom längst in die heimische Gasindustrie eingekauft. Zugleich liefert Gasprom den Staaten Ostmitteleuropas zwischen 75 und 100 Prozent ihres Erdgases. Nun nehmen die Gaspromis Westeuropa ins Visier. Im Frühling wollten die Russen den britischen Versorger Centrica schlucken, worauf das sonst so marktliberale London plötzlich Nerven zeigte. Das Geschäft scheiterte, vorerst. Im Juni gelang es Gasprom dann aber, sich an der niederländischen Gasunie zu beteiligen, im Tausch für Aktien an der Ostseepipeline. Der Kniff dabei: Die Holländer bauen an einem Gasrohr nach England, das Gasprom nun als Tunnel in die englische Festung dient.

Als Gegenleistung für die Marktöffnung fordert die EU von Russland seit Jahren die Ratifizierung der Energie-Charta – also freie Märkte, freien Zugang zu Energiequellen und freien Transport. Gasprom solle sein Pipelinenetz öffnen. Doch Vizechef Alexander Medwedew verlachte kürzlich die Idee, die Röhren mit anderen zu teilen, als »puren Kommunismus«. Vorige Woche verabschiedete Russlands Parlament die vom Kreml bestellte Lex Gasprom, ein Gesetz, welches das Gasprom-Exportmonopol auf Dauer zementiert. Ein weiteres Gesetz, das Ausländern nur geringe Beteiligungen an Öl- und Gasfeldern erlaubt, wird vorbereitet. Es lebe der freie Markt, aber bitte nicht in Russland.

Europa hat viele Strategien – 25 insgesamt, so viele wie Mitglieder

Mit diesem Geschäftsmodell kommt der Kreml dem Ziel näher, Gasförderung, Transport und Auslandsverkauf in seinem Staatskonzern zu bündeln. Bleibt nur ein kleines Problem: Gasproms Produktion stagniert und wird sinken. Die angesehene Internationale Energieagentur (IEA) in Paris bezweifelt, dass Russland die Versorgungsversprechen erfüllen wird, die es China, Japan und Europa macht. »Dafür investiert Gasprom nicht genug in die Entwicklung seiner Felder und des Transportnetzes«, kritisiert ein IEA-Sprecher. Über derlei Beschwerden feixen die Bosse im Gasprom-Hochhaus am Moskauer Nachimowskij-Prospekt. Ihre Antwort ist die Gas-Opec: Der Konzern kauft Gas von Produzenten ein, die sonst als Konkurrenten im eurasischen Raum auftreten würden. In diesem Kartell liefern die zentralasiatischen Staaten Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan Gas günstig an Gasprom. Der Konzern schleust es über seine Pipelines weiter nach Europa – zu Weltmarktpreisen.

Diesen marktscheuen Handel haben die Chinesen durchschaut. Natürlich wollen sie Gas aus Sibirien, mehrere Pipelines sind im Bau oder in Planung. Doch für ihr Geschäft in Zentralasien umgehen sie russische Zwischenhändler. Im vorigen Jahr hat die staatliche Ölgesellschaft CNPC den Konzern PetroKazakhstan gekauft. Am Kaspischen Meer, dessen geschätzte Reserven jedes Jahr höher bewertet werden, bohren die Chinesen nun selbst. Im Wüstenstaat Turkmenistan haben sich Pekinger Energiehändler Erdgaslieferungen für Jahrzehnte gesichert. Eine Megaröhre vom Kaspischen Meer nach China ist im Bau. Zusätzlich hegen die Chinesen Moskau durch die Shanghai-Organisation ein, in der die Russen nicht mehr Stimmen haben als Chinesen, Kasachen, Usbeken, Kirgisen und Tadschiken. Was als Antiterrorpakt begann, mutiert zu einem Forum für Energiesicherheit und allerlei Nützliches in Asien, dem weitere Staaten beitreten können. Vorausgesetzt, diese sind auch der Meinung, dass eine Nation in der Region nun wirklich nichts zu suchen habe: die USA. BILD

In Washington hat man die Bedeutung der kaspischen Region schon Anfang der neunziger Jahre erkannt. Seither taten alle US-Regierungen viel dafür, die Öl- und Gasvorkommen aus der von Russland, China und Iran eingekeilten Region ungehindert auf die Weltmärkte zu bringen. Mit einem »Jahrhundertvertrag« internationaler Multis begann 1994 in Baku der Ölrausch der Postmoderne am Kaspischen Meer. Trotz aller lokalen Streitigkeiten, wider russisches Sperrfeuer und über südkaukasische Gipfel wurde eine Pipeline gebaut – von Baku bis an den türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan. Vor kurzem wurde die Rohrleitung unter Führung von BP eingeweiht. US-Konzerne sind übrigens nicht dabei, denn die lassen sich ihre Geschäfte von Washington nicht vorschreiben. Dennoch macht sich die US-Regierung für weitere Pipelines stark, vor allem für eine Gasleitung vom Kaspischen Meer nach Europa. Werbeprospekte dafür hatte US-Vizepräsident Dick Cheney im Rollkoffer, als er im Mai durch mehrere Ex-Sowjetstaaten am Schwarzen und Kaspischen Meer tourte, den erhobenen Zeigefinger gegen Moskau schwenkend. Dort wurde die Reise sofort als Kriegserklärung verstanden. Für den Kreml redete Cheney wie weiland Churchill 1946 in der Fulton-Rede über den »Eisernen Vorhang«. Und schon lässt Amerika einen alten Block wiederbeleben: den in den neunziger Jahren gegründeten GUAM aus Georgien, Ukraine, Aserbajdschan und Moldawien, bewehrt von Washington und begeifert von Moskau. Die vier liegen mit dem Kreml in Fehde und möchten gern – jenseits von Gaspromistan – einen Energiekorridor in Richtung EU bilden.

Doch, ach, Europa tut sich schwer, in diesem Verteilungskampf zu einer Haltung zu finden. Die einen, Polen voran, finden alles gut, was Putin ärgert, zum Beispiel eine »Energie-Nato«. Die anderen, Deutschland ganz vorn, möchten auf keinen Fall Streit mit den Russen. Deutsche Energiekonzerne meiden das Kaspische Meer, weil das Gasprom nicht passen könnte. Die Bundesregierung meint, kein Energieministerium zur Bündelung von Kompetenz und Macht zu brauchen, die Kanzlerin unterstreicht vor Journalisten zwar gern ihre Distanz zu Putin, ändert aber nichts an Schröders Gaspolitik. Frankreich verlässt sich darauf, sein Erdgas vor allem aus Algerien einzuführen – übersieht aber, dass Gasprom sich derzeit clever in die algerische Gasindustrie einkauft. Nur an einem mangelt es Europa nicht, an Energiestrategien: Es gibt mindestens 25 – so viele wie EU-Staaten.

Immerhin ein Projekt aus dem Brüsseler Raum macht Eindruck auf Russland. Das lässt sich daran ablesen, dass Gasproms Medwedew sich überhaupt dazu äußert. »Völlig unrealistisch« nennt er den Plan eines Konsortiums unter Führung des österreichischen OMV-Konzerns, eine Pipeline von der Osttürkei über Südosteuropa nach Mitteleuropa zu bauen. Für Erdgas vom Kaspischen Meer, aus Iran, vielleicht Irak und Ägypten. Bei so viel Gasprom-Schelte muss an dem Rohr wohl was dran sein. Am 26. Juni unterschrieben in Wien die Energieminister Österreichs, Ungarns, Rumäniens, Bulgariens und der Türkei mit dem EU-Kommissar für Energie eine Absichtserklärung, Nabucco zu bauen, die einzige große Gaspipeline aus östlicher Richtung, an der Russland nicht beteiligt wäre. Deutsche Firmen bleiben dem Projekt noch fern.

E.on/Ruhrgas könnte es sogar gefährden. Der deutsche Konzern steht kurz davor, Teile der ungarischen Energiefirma MOL an Gasprom zu verkaufen. Dafür verlangt E.on im Gegenzug Schürfrechte in Sibirien. Für Gasprom hätte der Deal den unschätzbaren Reiz, sich in eine der Firmen einzukaufen, welche die Nabucco-Trasse betreiben würden. Dazu passt das Abkommen, das Gasprom-Chef Alexej Miller im Juni wenige Stunden vor einem Besuch von US-Präsident Bush in Budapest unterschrieben hat. Gasprom will in Ungarn vorhandene Gasspeicher nutzen und neue Rohrleitungen bauen. Hier ist der Plan: Russisches Erdgas soll über die Blue-Stream-Pipeline im Schwarzen Meer in die Türkei strömen und von dort nach Ungarn. Gasprom hätte so zwei Probleme auf einen Streich gelöst: Die kratzbürstige Ukraine würde mit der Pipeline südlich umgangen, und das Nabucco-Projekt hätte mit dem Parallelrohr schon Konkurrenz, bevor es überhaupt gebaut würde.

Mit den iranischen Gasreserven wäre Moskaus Gas-Opec komplett

Doch damit nicht genug der Widrigkeiten für Nabucco. Leider hängt Europa dabei von einem Land ab, auf das man lieber nicht angewiesen sein möchte: Iran. Erhält sich die EU die freie Wahl der Versorger, oder siegt Russlands Gas-Opec? Das wird sich im Wettlauf um Irans noch unerschlossene Reserven entscheiden. Russische, chinesische und europäische Konzerne stecken die Claims ab. Iran hat die zweitgrößten Gasvorkommen der Welt und beherbergt nach Saudi-Arabien auch noch die größten Ölressourcen des Globus. Erst durch die iranischen Reichtümer bekommt die Nabucco-Pipeline ihren wirklichen Sinn. Das wissen auch die Amerikaner. Nur wenige westliche Konzerne wie Frankreichs TotalFinaElf und Italiens Eni arbeiten in Iran. Wenn Energiefirmen in Washington vorfühlen, ob ihr Engagement im iranischen Erdgassektor einen Tobsuchtsanfall der US-Regierung auslösen würde, wird ihnen trotz Atomkrise und Ahmadineschad bedeutet: Nein, aber bitte seid leise dabei. Neu Ölpipeline, Baku-Ceyhan BILD

Ohne Rücksicht auf Nebengeräusche gehen die Russen vor. Auf dem Treffen der Shanghai-Organisation Mitte Juni verständigten sich Putin und Irans Präsident Mahmud Ahmadineschad auf Kooperation im Energiesektor. Russland und Iran verfügen zusammen über 42 Prozent der Welterdgasreserven. Mit dieser Allianz wäre die Gas-Opec komplett. Gasprom will das iranische Süd-Pars, das größte Gasfeld der Welt, ausbauen. Natürlich nicht für den EU-Markt. Die Moskauer Röhrenmeister bieten den Bau einer Pipeline nach Osten an, von Iran über Pakistan nach Indien. China hat sich schon 2004 die Lieferung von Flüssiggas aus Iran über 25 Jahre gesichert. Ob als Teil eines großen Konzepts oder zufällig: All diese Projekte drehen Iran nach Osten um. Die westlichen Regierungen verkämpfen sich derweil bei der Eindämmung des iranischen Atompotenzials. Ein Nebenkriegsschauplatz, den Russen und Chinesen ihnen gern überlassen.

Der Kampf um die eurasischen Rohstoffe wird in diesen Jahren entschieden. Ungleiche Rivalen treffen aufeinander, nicht nur, was Rohstoffe und Röhren angeht. Es geht um die Einstellung. Während Russen, Chinesen und Amerikaner als knallharte Wettbewerber zu Werke gehen, glauben viele Europäer, vor allem Deutsche, man könne die Dinge mit gutnachbarlicher Zusammenarbeit und Konzepten »gegenseitiger Abhängigkeit« schon regeln. Wladimir Putin wird alles tun, um diesen trügerischen Eindruck auf dem Petersburger Gipfel zu festigen.

i Weitere Informationen über Geo- und Energiepolitik: www.zeit.de/kosmoblog