DIE ZEIT: Warum ist Rembrandt eigentlich ein guter Künstler?

Ernst van de Wetering: Wie Beethoven und Shakespeare hat er die Welt verändert. Er hat dazu beigetragen, dass die Künstler sich freier fühlten als zuvor. Das Symbol dafür ist sein Barett, mit dem er und seine Schüler sich oft gemalt haben. Vor allem besaß er eine unglaubliche Einbildungskraft und die Fähigkeit, das Vorgestellte mit großer Spontaneität umzusetzen. Er hat sich auch immer wieder sehr intensiv in seine Modelle vertieft, obwohl er ja eigentlich ein Maler von Historienbildern war. Aber irgendwann begann er, sich sehr in die Menschen hineinzuversetzen. Zugleich hat er sich sehr mit rein bildlichen Fragen befasst. Er hat viel nachgedacht über bildnerische Mittel wie Licht, Raum, atmosphärische Perspektive.

ZEIT: Spricht diese Suche dafür, dass er für seine Zeit ein moderner Künstler gewesen ist?

Van de Wetering: Aus unserer Sicht ist er sicher ein Frühmoderner gewesen. Man hat den Eindruck, dass er einen Geist hatte, der mehr ins 19. als ins 17. Jahrhundert passen würde. Aber ein Ziel unserer Ausstellung, die jetzt in Berlin anläuft, ist es, diesen Rückprojektionen der Moderne zu entgehen. Rembrandt war natürlich ein Kind seiner Zeit. Und seine Arbeiten sind auch viel eher aus Ideen des 17. Jahrhunderts zu verstehen. Sie greifen gar nicht so weit voraus.

ZEIT: Tut man Rembrandt also Gewalt an, wenn man ihn als einen der Väter der Moderne sieht?

Van de Wetering: Schon. Es gibt viele Missverständnisse, zum Beispiel was seine 31 radierten Selbstbildnisse angeht. Meine These ist, dass es eigentlich nur vier offizielle Selbstbildnisse sind, die wiedergeben, wie er sich darstellen wollte. Neben diesen Selbstbildnissen gibt es Bilder, die schief gegangen sind und die nur den Charakter von Skizzenblättern hatten. Zehn von diesen Selbstbildnissen sind eigentlich Übungen vor dem Spiegel, um sich die Radiertechnik anzueignen. Er war ja ein Autodidakt. Heute gilt der ungeheure Variantenreichtum als ein Beleg für Rembrandts enorme Freiheit. Das ist ein Fehlschluss.

ZEIT: Warum?