Der Blick fällt und fällt, immer tiefer hinein in dieses Bild. Ein Tunnel, nur hat er keine gewöhnlichen Wände, sondern Wände aus lauter leeren Bilderrahmen, dicht gedrängt, einer hinter dem anderen. Erst ganz am Ende bleibt der Blick hängen, an einem kleinen roten Vorhang, fest verschlossen. Da gibt es keine Vorstellung, Inhalt fällt aus, hinter hundert Rahmen kein Bild – so hat es die Künstlerin Henriette Grahnert aufgemalt. Und das wohl durchaus als Generalkritik gemeint. 

Reichlich war in den letzten Jahren von der neuen Malerwelle die Rede. Vor allem Leipzig gilt plötzlich als globales Zentrum der Leinwandkunst, und die einen schwärmen von Tradition, von Innerlichkeit, andere knurren über reaktionäres Gepinsel, über die "Neuen Milden". Und alle sprechen von den Malern und der Schule, als sei in Leipzig eine Art Einheitsstil zu bewundern. Bislang wurde halt weit mehr geraunt als geschaut. Erst jetzt gibt es, im Museum Essl bei Wien, einen ersten Überblick, eine Ausstellung, die den Mythos um Neo Rauch, Matthias Weischer & Co weiter aufpumpen möchte – und ihn doch zum Platzen bringt.

Die meisten der Bilder, die jetzt zu sehen sind, hat der Sammler Karlheinz Essl in jüngster Zeit erworben, manches steuert auch das Leipziger Museum der bildenden Künste bei, vor allem Fotografien und Werke der Altmeister Tübke, Mattheuer und Heisig. Schließlich will man erzählen, was das Leipziger Erbe ausmacht: technische Virtuosität, tiefes Geschichtsbewusstsein, eine Leidenschaft für den Menschen und seinen Alltag. Rasch zeigt sich allerdings: Mit diesem Vermächtnis wollen die Jungen nichts zu tun haben.

Nichts mit der Raffinesse, der Akribie eines Tübke, dessen Bilder einen geradezu auffordern, ihnen ganz nahe zu kommen, immer näher, bis aus dem Stein am Wegesrand fast ein Gebirge wird. Es ist eine Wimmelkunst, die aus der Ferne ebenso lebendig ist wie im Detail überraschend – und in dieser Vielgesichtigkeit doch keine Nachfolger gefunden hat. Die Bilder der jüngeren Maler sind oft routiniert, seltsam makellos, jedenfalls nicht so, dass man sie unbedingt live und im Original sehen müsste. Zu selten entwickeln Pinselspuren, Farbwülste, Glanzeffekte eine eigene Wirkmacht.

Nichts vom Wühlen in Geschichte und Öl, von der Lust am Überborden der Motive wie bei Bernhard Heisig. In den Bildern von heute herrscht Ordnung und Nüchternheit, die Maler suchen das Zeitlose, mal traumverhangen und süßlich wie Tilo Baumgärtel, mal kühl abstrakt wie Tim Eitel. Für Ikarus, Kassandra, für die mythosschweren Werke der Alten haben sie nichts übrig. Allenfalls ein paar nostalgische Zitate lassen sie zu. Und wenn sich doch einmal einer ans Allegorische wagt wie Rosa Loy, dann endet’s meist bei sinnleeren Schwundformen, die im Vergleich selbst einen Wolfgang Mattheuer wie einen Großmaler aussehen lassen.

Es sind meist entvölkerte Bilder, die nun gemalt werden, es fehlt Handlung, fehlt Drama, es gibt keine Neugier, die zu irgendetwas vordringen möchte. Nicht die Träumer, die Spinner, die Wüteriche herrschen; es herrschen Strukturforscher. Vor allem die Architektur, die Macht der Räume hat es vielen Künstlern angetan. Sie zeigen Tapeten und Waschbetonwände und Dachböden und Holzschuppen, auch frei dahinschwebende Konstruktionen, in denen sich alles öffnet und die nirgendwo hinführen. Der eine liebt geschlossene Kisten, Garagen und sonstige Banalitäten wie Ulf Puder. Andere lassen das Geschlossene aufbrechen, David Schnell etwa, bei dem man nicht genau weiß, ob seine geometrischen Gebilde gerade hoffnungslos zusammenstürzen oder sich auf wunderbare Weise frei machen von allen irdischen Zwängen. Schnell lässt uns auf eindringliche Weise stutzen, zögern, seine Bilder wollen nicht gleich neue, feste Mauern ziehen. Keine durchkonstruierte, trittsichere Welt errichten.

Ähnlich versucht auch Tobias Lehner, das Strukturierte mit Chaos zu konfrontieren, auf seinen abstrakten Bildern hetzt er Muster auf Löcher und Löcher auf Spritzer, lässt Raster und Antiraster gegeneinander antreten. Die meisten seiner Kollegen hingegen scheuen das Ambivalente, sie suchen lieber Halt im Erkennbaren.