Wer zu Joachim Burger ins Auto steigt, sollte sich auf allerhand gefasst machen. Die Fahrt von Burgers Wohnort Wiesbaden zu seinem Labor an der Mainzer Universität dauert immerhin 45 Minuten. Doch für ein Gespräch über seine Forschung bleibt keine Zeit. Im Auto hört der Professor Musik: Van der Graaf Generator. "Von der Band habe ich alles."

Der exaltierte Gesang von Peter Hammill, Vormann der Siebziger-Jahre-Art-Rock-Band, quillt aus den Boxen und Burger bugsiert seinen Mercedes auf die Autobahn. Kurz vor Mainz zückt der Molekulararchäologe ein Plastikröhrchen mit einem Wattestab darin. "Ich will Ihre Gene." Grinst und dreht lauter. "Sie wissen ja, wie das geht, oder? Auf jeder Wangeninnenseite 30 Sekunden reiben."

Die Speichelprobe ist der Eintrittspreis für Burgers Reich, das Hochrein-Genlabor im Institut für Anthropologie. In Wahrheit ist der Juniorprofessor an den Erbmolekülen seiner Besucher gar nicht sonderlich interessiert. Die Speichelprobe ist eine Sicherheitsmaßnahme. Burgers Forschungsteam, die Palaeogenetics Group, sucht nach Genen, deren Besitzer schon seit vielen Jahrtausenden tot sind – und da muss im Zweifel jede moderne Verunreinigung identifizierbar sein. Das Mainzer ancient DNA lab ist eine der wenigen Forschungsstätten auf der Welt, die derzeit dabei sind, die Archäologie methodisch umzukrempeln. Was die Grabungstrupps mit Spaten, Pinsel und Pinzette zutage fördern, untersuchen die Gen-Archäologen nun im molekulargenetischen Detail.

Die Fahndung in Burgers Labor ist ein einzigartiges Projekt. Sie soll helfen, den tiefgreifendsten Umsturz der Menschheitsgeschichte zu enträtseln. Sie gilt der Erfindung der Landwirtschaft, den ersten Bauern Europas, ihren Genen und ihren Tieren.

Die in ihren Knochen verborgenen Erbmoleküle können Geschichten erzählen, Auskunft geben über Herkunft und Schicksal dieser Pioniere. Mit den Erfindern der Landwirtschaft traten vor mehr als 10000 Jahren die Architekten der Zivilisation auf den Plan. Die neolithische Revolution, wie der australische Archäologe Gordon Childe den Umbruch vom Jäger- und Sammlerleben der Altsteinzeit zu Landwirtschaft und Sesshaftigkeit der Jungsteinzeit taufte, führte den Menschen unwiderruflich auf den Weg in die technische Kultur von heute. Zum ersten Mal veränderte er das Gesicht des Planeten.

Die frühe Agrarindustrie der beginnenden Jungsteinzeit schuf das Fundament der ersten Zivilisationen im Nahen Osten, im Fruchtbaren Halbmond zwischen Euphrat und Tigris und im Jordantal. Ein prähistorisches Wirtschaftswunder befreite große Teile der Bevölkerung von der täglichen Suche nach Nahrung. Zum ersten Mal konnte es Handwerker, Bauarbeiter, Bürokraten und Soldaten geben. Binnen weniger Jahrtausende breitete sich die Landwirtschaft nach Asien aus. Auch nach Europa drang sie schnell vor, über Anatolien und den Balkan, wohl auch entlang der Mittelmeerküste nach Südfrankreich. Schon vor 7500 Jahren bestellten die ersten Bauern der Bandkeramik-Kultur in Zentraleuropa ihre Felder.

Wer ihre Knochen sehen will, muss sich ausziehen. "Alles", befiehlt Ruth Bollongino. Sie steht schon in der Schleuse, die zu den Reinlabors führt, und zwängt sich in einen weißen Laboranzug mit Kapuze. "Na, die Unterhose dürfen Sie anbehalten." Sie reicht die Laborgarderobe herüber: Einmalsocken, Latschen, zwei Paar Latexhandschuhe, alles steril. Zum Schluss noch OP-Mundschutz und ein Helm mit Plastikvisier. Dann öffnet die 33-Jährige eine Tür mit Sichtfenster, die Pforte zum Allerheiligsten. "Am besten halten Sie jetzt auch die Luft an."