Einmal wollte er die Beatles sein, alle fünf. 1966 war Hubert Fichte im Hamburger Star-Club aufgetreten und hatte zwischen den Songs von Ian & The Zodiacs aus Die Palette vorgelesen, seinen Skizzen aus tiefster Hamburger Subkultur. Im Star-Club fühlte er sich wohler als bei der Gruppe 47. Und Mittelamerika, über das er viel schrieb, lag ihm näher als die düstere deutsche Vergangenheit. So brachte Fichte den Beat, den Pop, den Underground in die deutsche Literatur.

Hubert Fichte ist einer jener Autoren, bei denen man dauernd zwischen Schreiben und Leben hin- und herschielt. Fichte, der Halbjude, der von Hans Henny Jahnn getätschelte Kinderstar. Der empfindsame Exzentriker, der schwule Religionsethnologe. Jetzt, 20 Jahre nach Fichtes Tod, gibt das dicke Album Hörwerke 1966–86 die Chance, sich Fichte neu zu nähern – und prompt klingen alle Etikettierungen des Autors hohler denn je. So, als hätten sie die Sachlichkeit, ja Kühlheit der Texte grell übertünchen sollen. Das Album erweitert das Fichte-Bild schon deshalb, weil es von 160 halb vergessenen Radioarbeiten Fichtes in 18 Stunden einen guten Querschnitt an Lesungen, Hörspielen und Features zugänglich macht. Allerdings hätte man sich dazu, statt der Deuteleien im unübersichtlichen Begleitbuch, einfach klare Angaben gewünscht. Dann wäre vielleicht korrigiert worden, dass das prächtige Heiligenspiel San Pedro Claver (Minetti als Loyola!) mit Monteverdis Marienvesper unterlegt ist und nicht, wie angegeben, mit dessen Sexoper Poppea.

Auch wüsste man gern genauer, wie und warum Reportagen und Gespräche so oft Fichtes Vorlagen nachinszeniert wurden. War er selbst auch daran beteiligt? Und warum hat man ausgerechnet den Schauspieler-Monolog Dells Tod ausgegraben? Er basiert auf einem Interview Fichtes mit der emigrierten deutschen Jüdin Lil Picard, die in New York zur Urmutter der Popart wurde. Tolle Sache, nur ist kürzlich das konkurrenzlose Original beim supposé-Verlag erschienen, der bereits die legendäre Star-Club-Session veröffentlicht hat (supposé, Köln 2005 beziehungsweise 2004, je 18,– €).

Genug gemäkelt, das Album bietet ja viel. Und es überrascht, weil Fichte eben nicht als Exzentriker daherkommt. Gewiss ist alles da, was man erwartet: die pubertären Initiationen aus den Romanen, von denen er uns noch einmal neu erzählt – verblüffend weich, mit geübter, manierierter, zarter Stimme. Da ist der Voodoo, der Fichte faszinierte, mit seinen Riten, in denen die Brasilianerin Deni Prata Jardin zu sich selbst fand. Da ist viel Sex und Gewalt, viel Irrtum und stilles Erkennen. Es sind einfache, harte Lebensgeschichten, oft nur Stücke davon, wie die Beobachtung des schönen und grausamen Straßenlebens in Marrakesch.

Die Mischung bringt das Wesentliche zum Vorschein: eine erstaunliche Ruhe, die über all den wilden Geschichten liegt. Sie entsteht aus dem Rückblick, weil die Figuren das eigene Fühlen, Irren und Werden stets aus der Ferne beobachten. Fichtes Schreiben ist ein Nachzeichnen, das sachlich, fast spröde erscheint, tatsächlich aber einfach absolut offen ist. Eine Literatur, in der sich das Leben mit seinen Riten, Verwandlungen und Geheimnissen selbst deuten darf.