Diplomaten sind dafür da, Lösungen für scheinbar unlösbare Probleme zu finden. Beim G8-Gipfel in Sankt Petersburg stellten sie ihre hohe Kunst zum wiederholten Mal unter Beweis – und bewahrten die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel vor einer Schlappe, die innenpolitische Turbulenzen hätte verursachen können.

Merkel ist zwar alles andere als eine Atomkraftgegnerin. Dennoch drohte ihr daheim Ärger mit ihrem sozialdemokratischen Regierungspartner, hätte in dem G8-Kommuniqué zur globalen Energiesicherheit ein ungetrübtes Bekenntnis zum Atomstrom gestanden. »Wir erkennen an, dass die Mitgliedstaaten der G8 verschiedene Wege verfolgen, um eine sichere Energieversorgung und die Ziele des Klimaschutzes zu erreichen«, heißt es jetzt in der Erklärung. Die drohende Krise ist abgewendet. Denn die SPD, die den Deutschen den Atomausstieg bescherte, kann damit leben. Und genau so geht es den alten und neuen Atomfreunden, also Wladimir Putin, George Bush, Jacques Chirac und Tony Blair.

Trotzdem, die Stimmung kippt – und zwar ohne Zweifel zugunsten der Atomkraft. Ob aber in Großbritannien, in den Vereinigten Staaten oder sonst irgendwo viele neue Meiler entstehen, ist keine Frage der Stimmung, sondern der Rentabilität. Um die aber ist es bei neuen Kernkraftwerken nicht gut bestellt. Beispiel USA: In der Nation mit den meisten Reaktoren (103 Stück) müssen in den kommenden 25 Jahren Kraftwerke mit der gewaltigen Leistung von fast 350.000 Megawatt neu errichtet werden. Nach Lage der Dinge würden davon nicht mehr als 6000 Megawatt nukleare Stromfabriken sein, schätzt selbst das US-Energieministerium – und auch das nur mit staatlicher Förderung.

Laut der Behörde in Washington werden anderswo zwar mehr Kernkraftwerke entstehen, namentlich in China, Indien und Russland. Weil die Stromproduktion aus anderen Quellen aber schneller wächst als die aus der Kernspaltung, sinkt gleichwohl der Beitrag der Atomkraft zur Deckung der weltweiten Stromnachfrage: von gegenwärtig 16 auf rund 12 Prozent im Jahr 2030.

Es stimmt, dass es einsam geworden ist um die deutschen Atomaussteiger. Doch es stimmt auch, dass die Freunde des Atomstroms überschätzen, was ihre Lieblingsquelle zur globalen Energiesicherheit überhaupt beitragen kann. 

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