Sommerzeit, Zoozeit. In der Julihitze machen selbst die Höcker der Kamele und die Ohren der Onager, der afrikanischen Wildesel, schlapp. Kölns Zoodirektor Gunther Nogge denkt nicht daran, sein halbwegs schattiges Büro zu verlassen, um sich unter die offenkundig hitzeresistenten Schulkinder zu mischen, deren Gekreisch sogar die Population des Pavianfelsens verstummen lässt. "Ich habe sowieso mehr mit Menschen als mit Tieren zu tun", sagt er. Nach der täglichen Morgenrunde, einer Dienstbesprechung mit den "Kuratoren", dem für die Tiergruppen jeweils zuständigen "Oberpfleger", zieht er sich für den Rest des Tages hinter den Schreibtisch zurück. Es sei ein Märchen, eines der vielen Zoomythen, dass deren Direktoren ihre Zeit hauptsächlich damit zubrächten, inkognito durch die Anlage zu schweifen, erklärt Nogge. "Zooarbeit ist Büroarbeit."

Aus dem Inkognito würde in seinem Fall ohnehin nichts, denn in Köln kennt ihn jeder – den Mann, der vom Affen gebissen wurde. 1985 wäre Nogge bei einem Schimpansenangriff beinahe ums Leben gekommen. Petermann, kurz nach dem Krieg als Jungtier in den Zoo gekommen und bald der Liebling aller Besucher, hatte sich aus seinem nachlässig verschlossenen Käfig befreit und auf Nogge gestürzt, der ahnungslos mit ein paar Besuchern das Affenhaus betrat. Ein typischer Schimpansenangriff sei das gewesen, mit Bissen ins Gesicht und in die abwehrend gehobenen Hände. Nach vielleicht einer Minute gelang es ein paar Pflegern, das wütende Tier von seinem Opfer loszureißen, aber da war es fast schon zu spät. Nogge schwebte ein paar Tage lang in Lebensgefahr. "Die haben mich im Krankenhaus dann wieder ganz gut hingekriegt, das Gesicht geflickt, die Ohren und die Finger wieder angenäht", sagt er.

Aus dem putzigen Äffchen wurde ein verhaltensgestörter Einzelgänger

Der rasende Affe, der den Pflegern ein zweites Mal entkam, wurde erschossen. Eine in mehrfacher Hinsicht folgenreiche Attacke. Mit Petermann endete in Köln eine Form der Primatenhaltung, von der man sich inzwischen nahezu überall verabschiedet hat und für die Petermanns Schicksal ein Paradebeispiel abgab: Ohne Artgenossen in menschlicher Obhut aufgewachsen, wurde er erzogen wie ein Einzelkind, lernte, mit Besteck vom Teller zu essen und Fahrrad zu fahren, trug meist Menschenkleidung und warb auf Postkarten und bei seinen Auftritten im Käfig für den Zoo. "Damals waren die Ergebnisse der Verhaltensforscher wie die von Jane Goodall noch nicht bis in die Zoos vorgedrungen. Keiner von uns wusste, dass Schimpansen Gemeinschaften mit sehr subtilen sozialen Regeln bilden", sagt Nogge. So wuchs der putzige Petermann in der Obhut seines einzigen Sozialpartners Mensch zu einem schwer verhaltensgestörten, im Grunde bedauernswerten Geschöpf heran, dessen unverbrauchte Aggressivität sich gegen den vermeintlichen Rivalen richtete. "Ich war für ihn ein konkurrierendes Alphatier", sagt Nogge.

In Nogges Umgebung gibt es Leute, die Petermanns Instinkt zumindest in dieser Hinsicht für recht zielsicher halten. Die Neigung des Direktors, Entscheidungen allein zu treffen und deren Vollzug selbst zu kontrollieren, ist bekannt. An seinem Büro kommt keiner vorbei. Bis heute hat der Kölner Zoo keine Pressestelle. Da seine einsamen Entschlüsse den Zoo aber stetig vorangebracht haben, im Jahr 2000 sogar auf Platz eins einer Zoo-Ranking-Liste des stern (noch vor Hagenbeck), ist seine Stellung unangefochten – seit nunmehr 25 Jahren.

Wie die meisten seiner Kollegen ist Nogge wissenschaftlich vorbelastet, promoviert und habilitiert – über die Wirt-Parasit-Beziehung zwischen Rind und Dassellarve und zur Bedeutung der Endosymbiose bei Tsetsefliegen. Da diese Themen nicht unbedingt für Leitung und Management eines Zoos qualifizieren, sammelte der gebürtige Kölner die ersten praktischen Erfahrungen für seinen seit der Kindheit gehegten Berufswunsch zunächst als wissenschaftlicher Berater des Zoos in Kabul Anfang der siebziger Jahre.

Der Rest war Learning by Doing. Ein enormes Lernpensum, denn in den letzten 20 Jahren hat sich in den meisten europäischen Zoos ein grundlegender Wandel vollzogen – weg von der Menagerie- oder Käfighaltung, hin zu einer artgerechten Simulation der natürlichen Umgebung. Dieser enormen Herausforderung haben sich die Zoos zum Teil selbst ausgesetzt – als sie 1985 die Europäischen Erhaltungszuchtprogramme (EEP) mit ins Leben riefen. Darin verpflichten sie sich, nur Tiere zu zeigen, die nicht in der freien Natur eingefangen, sondern im Zoo selbst gezüchtet wurden. Und da sich Tiere am erfolgreichsten fortpflanzen, wenn sie in einer ihnen angemessenen Umgebung leben, standen die Zoos vor der Aufgabe, sich – endlich – gründlich über die Lebensbedingungen der Arten zu informieren und die Anlagen entsprechend umzugestalten.