Endlich, das darf man durchaus sagen, endlich ist Olivier Roys vor vier Jahren in Frankreich erschienenes Buch auf Deutsch übersetzt. Es wird helfen, einige wirre Vorstellungen über die Ursachen des islamisch drapierten Terrorismus seit dem 11. September zu entsorgen. Wie nötig das ist, zeigt der Essay Schreckens Männer von Hans Magnus Enzensberger, der uns die Terrorangriffe damit erklärt, dass die Araber eine Verliererkultur hätten und Hass auf den Westen empfinden würden. Olivier Roy widerlegt die These, der Terrorismus finde seine Wurzeln im kulturellen Gegensatz von Christen und Muslimen. Er zerpflückt den Setzkasten von Vorurteilen über islamistische politische Bewegungen, die eben gerade nicht die Brutstätte terroristischer Gewalt sind. Und er schreibt gegen den gern verbreiteten Unfug an, vom Islam selbst samt Koran ginge eine Bedrohung für die westliche Zivilisation aus.

Olivier Roy beschreibt die Generation »Terror«, die sich von der Kultur ihrer Ursprungsländer Lichtjahre entfernt hat. Sie sind Globalisierungsprodukte, Menschen, die mit ihren Eltern und ihrem Heimatdorf gebrochen haben; die nichts wissen von den klassischen Schulen des Islams; die sich ihren radikalen Islam zusammenstückeln wie sie zuvor Autos, Rechner oder Rohrleitungen repariert haben. Roy rät davon ab, sich in den Koran zu vertiefen, um mehr über die knotigen Hirnwindungen der Bombenwerfer zu erfahren. Nicht im Koran liege der Schlüssel, wohl aber in den Predigten der Moscheen von Hamburg, London und Paris. Nicht der Islam sei das Problem, sondern seine Pervertierung durch Muslime in den westlichen Metropolen.

Im Gegensatz zu dem Neocon-Mandarin und US-Historiker Bernard Lewis, der den Sprengstoff des 11. September auch für eine Mixtur aus muslimischer Rückständigkeit und uralten Traditionen hält, spricht Roy lieber von Internationalisierung und Verwestlichung. Al-Qaida und seine Subunternehmer hätten zwar in afghanischen Lagern eine militärische Ausbildung erhalten, ihr Weltbild aber sei von Netzseiten und Predigten in Londoner oder Pariser Vororten inspiriert. Neofundamentalisten seien nicht an ein Territorium gebunden, nicht an eine Kultur. Die Authentizität, nach der sie strebten, sei ein Frontalangriff auf den klassischen Islam, volkstümliche Bräuche und die Vielfalt islamischer Kulturen.

Hier zieht Olivier Roy eine klare Trennlinie zu den islamistischen Bewegungen, die in einigen arabischen Ländern und in der Türkei sogar an der Regierungsmacht beteiligt sind. Die Weltsicht der Islamisten sei auf den Staat bezogen, sie wollten den modernen Staat und die Lage in ihrem Land verbessern, sie seien Politiker geworden, deren einst revolutionäre Weltsicht aus einem grundsätzlichen Optimismus gespeist sei. Dagegen sieht Roy in den terroristischen Neofundamentalisten eine strikt antistaatliche, an keine Grenzen gebundene Bewegung. Ihre Weltsicht sei grundsätzlich pessimistisch, ihre Verheißung ausschließlich jenseitig, sie verachteten die Politik und hofften stattdessen auf Erlösung.

Darin sind sie, folgt man Roy, den christlichen Fundamentalisten viel näher. Mit ihnen teilen sie das Misstrauen gegen alle herkömmlichen Autoritäten, wie sie treiben sie einen Kult um den Status des Wiedergeborenen. Während sie sich von der eigentlichen Religion entfernen, huldigen sie der Religiosität und einem gefühlten Glauben. Nicht an der Rückkehr zu einer klassischen Form des Islams ist ihnen gelegen, sondern an dessen Privatisierung in Chatrooms im weltweiten Netz.

Deshalb, sagt Roy, ist es eine müßige Übung, ganze Staaten stellvertretend für neofundamentalistische Gruppen anzugreifen. Weder in Afghanistan noch im Irak ist es den Amerikanern gelungen, die terroristische Gefahr für die USA und Europa zu verringern. Denn mit den Regimen im Nahen und Mittleren Osten haben die Fundamentalisten schon lange gebrochen. Sie bekämpfen auch sie – als Bürger westlicher Staaten. Michael Thumann