Mit Tränen in den Augen soll der Wiener Bürgermeister dem Icomos-Präsidenten Michael Petzet um den Hals gefallen sein, als er endlich die Urkunde »Weltkulturerbe« in den Händen hielt. Im Vorfeld hatte es harte Verhandlungen gegeben. Icomos, die internationale Organisation für Denkmalpflege, die die Unesco in Fragen des Weltkulturerbes berät, lehnte Hochhauspläne in der visuellen Bannmeile rund um den Stephansdom ab. Bereits bestehendes Baurecht musste geändert, ein neuer Wettbewerb ausgeschrieben werden. Im Nachhinein waren sich alle einig: Städtebaulich und architektonisch hat die Stadt durch den Prozess gewonnen. Warum aber kam die Einsicht so spät und nur nach internationalem Druck? Was treibt manche Bürgermeister, offensichtliche Fehlplanungen als Zeichen des Fortschritts zu verteidigen?

Regelrecht trotzig hatte beispielsweise der Kölner Stadtregent auf die Unesco-Deklassifizierung reagiert. Selbst ein Jahr, nachdem der Dom zu den akut gefährdeten Welterbestätten gezählt wurde, attackierten die Lokalpolitiker die internationalen Denkmalschützer. Erst ein von der Landesregierung eingesetztes Beratungsgremium, unabhängige städtebauliche Gutachten und die Stagnation am Immobilienmarkt führten letztlich zur Reduzierung der Bauhöhen am Deutzer Ufer. Eine verbindliche Neuplanung gibt es indes immer noch nicht. Aber die 21 stimmberechtigten Mitglieder des Unesco-Welterbe-Komitees ließen sich überzeugen, das Gefährdungspotenzial nur noch gering einzustufen.

Dafür wird nun Dresden international angeprangert. Die Kommunalpolitik verschanzt sich hinter einem Bürgerentscheid und will die überdimensionierte Waldschlösschen-Brücke partout bauen. 16 Millionen Euro sind bereits in die Planung geflossen. Strafen bei Nichteinhaltung der Verträge werden befürchtet. Außerdem sei ja die Unesco schon in den Bewerbungsunterlagen 2003 über das Bauvorhaben unterrichtet worden. Dass dies in bewusst verharmlosendem Maßstab geschah, verschweigt man. Denn der Widerspruch der Pläne zum eigenen Welterbeantrag war offensichtlich: Einerseits reklamierte man Welterbestatus für das gesamte Elbtal zwischen Schloss Übigau und Pillnitz, um überhaupt eine Chance auf den begehrten Titel zu haben (denn die rekonstruierte Altstadt, auf die sich ein erster Antrag 1989 bezog, schien der Unesco zu wenig authentisch). Andererseits wollte man die schützenswerte Kulturlandschaft »mit universellem Wert« am Scheitel des weiten Elbbogens kalt zerschneiden – dem vermeintlichen Fortschritt zuliebe.

Die rote Karte der Unesco lässt an der Planungskultur in unserem Lande zweifeln. Und sie zeigt auch an, dass das Musterland der Denkmalpflege diese längst ausgemustert hat. Wieso kam es bei der Standortprüfung zu so gravierenden Fehleinschätzungen? Wo ist das Verkehrsgutachten, das die Notwendigkeit der Brücke belegt? Unter welchen Prämissen werden Wettbewerbsbedingungen festgelegt, Alternativen ausgeschlossen? Warum haben alle Kontroll-Instanzen versagt? Längst hat man sich daran gewöhnt, dass die warnenden, mahnenden Denkmalpfleger im Rahmen der Planungsverfahren zwar noch gehört, aber nicht mehr ernst genommen werden. Häufig müssen sie so genannten Kompromissen zustimmen: Eine breite Schrägseilbrücke wäre doch viel schlimmer gewesen! Dissenzverfahren sind fast überall abgeschafft, um die Bauwirtschaft nicht zu behindern. Die kommunalen Behörden entscheiden eigenmächtig. In Abwägung zwischen dem Erhalt »historischer Blickbeziehungen« und »Zukunftsinvestitionen« weiß der verantwortliche Politiker eindeutig zu entscheiden. Egal, wie wenig Zukunft in den Investitionen wirklich steckt.

Ist nun die Unesco die letzte Hoffnung »neophober« Kritiker? Schon werden Dossiers über Bausünden der Bewerberstadt Heidelberg an die beratenden Institutionen verschickt. Aber was veranlasst eine nette Universitätsstadt dazu, unbedingt Welterbe sein zu wollen? Und was, die eigene Bewerbung gleichzeitig durch aktuelle Planungen zu unterlaufen? Woher der Ehrgeiz, ausgerechnet Welterbestätten zu Zukunftsstandorten »transformieren« zu wollen – wie es sich die Stadt Essen und das Land Nordrhein-Westfalen mit der Zeche Zollverein vorgenommen haben?

Es ist alles eine Frage des Wertes und der Qualität. Dies grundsätzlich zu diskutieren, mahnt die Unesco mit ihren Verweisen an. Keineswegs will sie die Welterbestätten unter eine Glasglocke des Stillstands stellen. Das wird im Wien-Memorandum Welterbe und Zeitgenössische Architektur von 2005 deutlich. Das Memorandum fordert schlicht Respekt vor gewachsenen urbanen Landschaftsräumen. Gleichzeitig macht der neue Begriff des »urbanen Landschaftsraums« deutlich, wie viele Rücksichtnahmen notwendig sind, um keine »funktionalen, visuellen, materiellen und assoziativen« Beziehungsgeflechte zu stören. Je größer das Schutzgebiet, desto schwieriger wird verantwortliches Planen. »Veränderungen in diesem Geflecht können als Teil der Tradition anerkannt werden, verlangen aber eine Vision von der Stadt als Ganzem mit vorausschauender Planung.« Dies wünscht man sich nicht nur für Welterbestätten, bei denen vertragsgemäß der Bund in der Pflicht ist.