Köln - Uli Klinger betreibt eine kleine Buchhandlung im Kölner Stadtteil Bickendorf. Mit der Welt des Verbrechens verband ihn lange nur der Verkauf von Kriminalliteratur. Doch am Dienstag nach Pfingsten fühlte er sich zum ersten Mal in seinem Leben für einen Augenblick selbst wie ein Verbrecher. Gegen Mittag entdeckte er auf seinem Faxgerät einen Stapel Papier. Absender war eine Herrn Klinger bis dahin unbekannte Berliner Anwaltskanzlei. Sie stellte dem Buchhändler ein Ultimatum. Bis um 18 Uhr desselben Tages habe er sich schriftlich zu verpflichten, insgesamt 28 Behauptungen über die Kölner Privatbank Sal. Oppenheim Jr. Cie und deren früheren Aufsichtsratsvorsitzenden, den verstorbenen Alfred Freiherr von Oppenheim, hinfort nicht mehr zu verbreiten. Widrigenfalls werde man ihn verklagen. Die Drehtür führt in die Kölner Privatbank Sal. Oppenheim (Archivfoto), die sich um ihren feinen Ruf sorgt. BILD

Das Bankhaus Oppenheim ist eine der größten Privatbanken Europas. In Köln ist ihr guter Ruf allerdings zurzeit etwas angekratzt wegen der überaus einträglichen Immobiliengeschäfte der Esch-Oppenheim-Holding mit der Stadt Köln, deren Folgen für die hoch verschuldete Domstadt seit langem Gegenstand einer heftig geführten Debatte sind.

Angesichts dieses potenten Gegners einigermaßen verunsichert, setzte Buchhändler Klinger sich mit einem Anwalt in Verbindung. Doch er unterschrieb nicht. »Ich kann doch nicht inhaltlich für jede Seite haften, die in meinem Laden steht«, empört er sich. Denn Klinger wurde nicht etwa für eigene Äußerungen in Anspruch genommen. Es ging um das Buch Der Bankier. Ungebetener Nachruf auf Alfred Freiherr von Oppenheim und eine Lesung mit dessen Autor Werner Rügemer in seiner Buchhandlung. Inzwischen führte Klinger das Buch nicht mehr, und Nachschub würde es auf absehbare Zeit nicht geben. Denn am selben Tag, dem 6. Juni, hat das Landgericht Berlin eine einstweilige Verfügung gegen mehrere Passagen des Buches erlassen. Damit war Der Bankier bis auf weiteres verboten; fertig gebundene und bereits ausgelieferte Exemplare waren allerdings ausdrücklich ausgenommen.

Inzwischen hat die Bank mehrere Buchhandlungen und Großhändler mit Abmahnungen überzogen. Wer die einstweilige Verfügung liest, auf die das Bankhaus sich stützt, der kann kaum umhin, sich über dieses scharfe Vorgehen zu wundern. Konnte man sich über die genaue Beschreibung der Funktion Alfred Freiherr von Oppenheims in der Bank, die exakte Rendite eines bestimmten Fonds oder die Frage, ob und, wenn, dann wo es im Bankhaus Oppenheim Bankschalter gibt, nicht auch gütlich einigen?

Harry Neubert vom kleinen Frankfurter Nomen Verlag, der Rügemers Buch druckte, sieht im Vorgehen der Bank den »Versuch, das Erscheinen des Buches durch Beanstandungen von belanglosen Textstellen zu verhindern«. Für diese Sicht der Dinge spricht, dass der Autor über die Bank manches schreibt, was wesentlich weniger harmlos ist als die von Oppenheim gerügte Fehldatierung der Eröffnung neuer Filialen.

Lange Passagen des Buches handeln von der Rolle der zeitweise unter dem Namen Pferdmenges firmierenden Bank in den »Arisierungen« genannten Raubzügen der Nazis, von ihrer Verstrickung in die illegale Parteienfinanzierung in der Bundesrepublik Deutschland und den umstrittenen Immobiliengeschäften der Esch-Oppenheim-Holding mit der Stadt Köln.

Nun ist es nicht so, dass man im Hause Oppenheim alles gutheißen würde, was Rügemer in dieser Hinsicht über die Bank schreibt. Ein Sprecher rügt »zahlreiche unwahre Behauptungen« des Buches. Nur scheinen diese Unwahrheiten, sofern es sich um solche handelt, überwiegend Details der Darstellung zu betreffen, weniger das Gesamtbild.