Ein Dorf an der Grenze Slowenische Kultur wurde in unserer Familie – ich bin das elfte von 15 Kindern – vor allem über Chormusik vermittelt. Der Großvater hat komponiert und einen Chor geleitet. Der Vater war ein begnadeter Sänger. Unser Dorf zählte 60 Einwohner, und dennoch findet der ganze Kärntner Konflikt Platz: Der eine Nachbar war einst Nazi, der andere hatte Partisanen Unterschlupf gewährt, die eine Familie hat Angehörige im KZ verloren, aus der anderen hatte die Wehrmacht Kinder als Kanonenfutter rekrutiert.

Irgendwie hat es mich da hinaus in die Welt gezogen. Dass ich heute in Guatemala lebe, ist reiner Zufall. 1995 habe ich durch ein Inserat erfahren, dass die nach 36 Jahren Bürgerkrieg heimkehrenden Flüchtlinge Schutz durch internationale Begleiter brauchten.

Jahr für Jahr werden in diesem Land mehr als 100 Massengräber aus dem Bürgerkrieg exhumiert. Darin liegt eine Chance zur Aufarbeitung der psychosozialen Folgen eines Krieges. Es geht nicht nur um die direkt Betroffenen. Wichtig ist auch, die Gesellschaft zur Anteilnahme zu bewegen – erst dann können die Angehörigen ihren traumatischen Verlusten einen Sinn geben und in einer neuen Gemeinschaft an einer gemeinsamen Zukunft arbeiten.

Ich habe 1999 zunächst ein Jahr lang in Guatemala Menschen betreut, deren Angehörige bei Massakern ums Leben gekommen waren. Nach Österreich zurückgekehrt, fühlte ich eine große Leere in mir: Wenn ich nicht über das berichte, was ich gesehen habe, dann verschwöre ich mich mit den Tätern. Als Psychologe muss ich für die Opfer Partei ergreifen. Also habe ich ein Buch, Tote suchen, Leben finden, darüber geschrieben und einen konkreten Exhumierungsprozess geschildert: Was geschieht, wenn man Leichen ausgräbt? Was heißt das für die Angehörigen? Für die Psychologen? Für die forensischen Anthropologen?

Aufgezeichnet von Ernst Schmiederer