Mit Arno Breker und der deutschen Öffentlichkeit ist es wie mit Herrn Pawlow und seinem Hund. Die Nennung des Namens des Mannes, der die globalen Ambitionen von Adolf Hitler mit reinrassigen Heroen in Gips, Granit, Marmor oder Bronze begleitete und unterstützte, reicht, alle Jahre wieder, aus für ein zuverlässiges Maß an Sekretion. Bei der diesjährigen Fußballweltmeisterschaft, die auch im Berliner Olympiastadion stattfand, durften wir uns an den Vorschlag von Hilmar Hoffmann erinnern, die (zwei) Skulpturen von Breker und andere Nazikunst am Bau während olympischer Ereignisse durch Plastikplanen zu verhüllen. Es blieb bei der Schnapsidee. Und wie wir alle kürzlich sehen konnten, waren die im Stadion umjubelten Helden nicht aus Granit.

Jetzt aber , in gebührendem Vorlauf zur am Wochenende eröffneten Schweriner Ausstellung Zur Diskussion gestellt: der Bildhauer Arno Breker, haben sie sich wieder zu Wort gemeldet, die sich notorisch zu Wort melden, und noch ein paar mehr. Manche auch ein wenig anders als erwartet. Brekers Kunst ist Unkunst, sagen die amtierenden Verwalter des Kunst-Olymps. Breker darf nicht gezeigt, sondern muss weggeschlossen werden, fordern sie und andere, zum Schutz des mental gefährdeten Bürgers. Der nämlich könnte, vielleicht gerade aus dem Bodybuilding-Kursus und nicht aus dem Wissenschaftskolleg kommend, Brekers Muskelmänner für gar nicht so übel halten. Und schon wäre die Unkunst von Hitlers Lieblingskünstler wieder salonfähig. Dieser Gefahr aber, so die Coda, könnte, wenn überhaupt, man nicht in der Provinz, sondern allenfalls mit einer Ausstellung in einem großen Haus mit entsprechendem Apparat begegnen. Einwände, deren hybrides Pathos kongenial zu Brekers Muskelmännern passt. Auch so kann der Funke überspringen.

Das Schleswig-Holstein-Haus, ein zweistöckiger Fachwerkbau aus Backstein, steht in der Altstadt von Schwerin, der an einem großen See gelegenen und von vielen kleinen Seen umgebenen, bildhübschen, klassizistisch geprägten ehemaligen Residenzstadt. Hier macht Rudolf Conrades, der aus dem Westen kam, seit 1996 Ausstellungen. Jetzt zeigt er Breker, es ist die erste Ausstellung in einem öffentlichen Haus seit 1942, rund 70 Werke aus dem Besitz der Witwe sind zu sehen, dazu Fotos, Dokumente, Briefe.

Brekers Weg beginnt, wie der vieler anderer junger deutscher Künstler in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, in Paris. 1924 war er, 24 Jahre alt, zum ersten Mal dort gewesen, in den Jahren von 1927 bis 1933 ließ er sich hier nieder, machte die Bekanntschaft vieler Künstler, teilte die Wohnung mit Alexander Calder, war befreundet mit Aristide Maillol, Charles Despiau und Jean Cocteau. 1930 veranstaltete der Berliner Alfred Flechtheim – das messerscharfe Porträt von Otto Dix zeigt ihn als gelassen konzentrierten Kunsthändler – hier eine Ausstellung Von Carpeaux bis Breker, und 1942 verfasste und edierte der Künstlerfreund Despiau im Zusammenhang mit seiner Breker-Ausstellung in der Orangerie der Tuilerien einen ästhetisch anspruchsvollen und für heutige Betrachter aufschlussreichen Katalog.

Brekers Frühwerk ist geprägt von den französischen Einflüssen, mal erkennt man Rodins skulpturales Spiel mit dem Licht der aufgerauten Oberfläche, mal die glatten Volumina von Maillol, die klassischen und statuarischen Formen, die nicht nur für Arno Breker, sondern auch für Wilhelm Lehmbrucks Werk das prägende Vorbild waren. Man erkennt ein Talent, das vieles erprobt und dem manches gelingt. Was an Breker neben einer zunächst noch jugendlichen Versalität auffällt, wird an der Bronzebüste Romanichel von 1928 deutlich. Der schmale Kopf des jungen Zigeuners mit dem nachdenklichen Gesichtsausdruck wird in einer gigantischen Vergrößerung von 1929 zur Groteske, fast zur Karikatur.