Es kommt einigermaßen überraschend, dass angesichts der Eskalation im Südlibanon über eine deutsche Beteiligung an einer Nahost-Friedenstruppe nachgedacht wird. Überraschender ist nur noch, dass es nicht zum ersten Mal geschieht. Es war der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder, der im April 2002 auf einer Kommandeurstagung der Bundeswehr das Thema aufwarf: Ob es "nicht notwendig" sei, die Konfliktparteien in der Region "auch mit militärischen Mitteln" zu trennen, fragte er damals und ließ ausdrücklich offen, ob sich deutsche Soldaten an einer solchen UN-Mission beteiligen würden. Ein kategorisches Nein klingt anders. Eher war es ein weiterer Vorstoß bei der "Enttabuisierung des Militärischen", wie Schröder sie nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 propagiert hatte. Die öffentliche Reaktion war damals abwehrend. Schließlich könnte der Einsatz im Nahen Osten die Gewaltanwendung deutscher Soldaten gegen Juden bedeuten – eine schwer erträgliche Vorstellung.

Vier Jahre später gibt es wieder das vage Szenario einer UN-Schutztruppe im Nahen Osten. Doch diesmal hält sich die Aufregung in Grenzen. Sicher ist die Lage in der Region zu dramatisch, als dass nun eine allzu selbstbezogene Debatte über das Für und Wider eines deutschen Engagements losbrechen würde. Aber die fast abgeklärte Art, in der die Frage behandelt wird, zeigt eben auch, wie selbstverständlich Bundeswehrmissionen an jedem Ort der Welt inzwischen geworden sind. Im Laufe der Balkan-Kriege der neunziger Jahre hatte sich die Erinnerung an die Verbrechen der Wehrmacht von einem Tabu gegen die Beteiligung der Bundeswehr in ein Argument dafür verwandelt. Ließe sich nun aus der historischen Verantwortung gegenüber Israel ein deutsches Engagement begründen? Wenn die Voraussetzungen erfüllt seien und die Konfliktparteien es wünschten, erklärt der deutsche Verteidigungsminister, "werden wir uns einem solchen Einsatz nicht verweigern können". Die Formel klingt zurückhaltend und zugleich nach einem bloß aufgeschobenen Automatismus: als gäbe es gar nichts zu entscheiden, wenn die Sache denn akut wird.

Mit einer Nahost-Mission fiele das letzte geo-historische Tabu für die deutsche Armee. In Afghanistan hingegen steht ein ganz anderes, ein leiseres Tabu vor dem Bruch. Denn bei allem Engagement "des zweitgrößten internationalen Truppenstellers", eines ist der Bundeswehr bislang weitgehend erspart geblieben: Töten und Sterben im Kampf. Die Einsätze wurden zumeist nach übersichtlicher Gefahrenlage ausgesucht, hinzu kam Glück. Dieses unausgesprochene Einsatzkriterium aber verliert angesichts einer sich verschärfenden Sicherheitslage in Afghanistan seine Selbstverständlichkeit. Der Druck immer neuer Anforderungen, prekärere Legitimation, wachsende Gefahr und – nicht zuletzt – ein neuerdings brüchiger werdender parlamentarischer Konsens markieren die neue, nie gekannte Bundeswehrproblematik.

Und es geht weiter. Noch vor wenigen Tagen wurden 780 deutsche Soldaten nach Afrika entsandt. Im Rahmen einer europäischen Mission sollen sie helfen, die ersten freien Wahlen im Kongo abzusichern. Bleibt alles ruhig und fügen sich die absehbaren Wahlverlierer in ihr Schicksal, dürfen sich die Europäer den Einsatz in dem bedeutenden afrikanischen Land als Stabilisierungsbeitrag anrechnen. Kommt es zu Unruhen, wird sich alles auf die möglichst reibungslose Evakuierung von Ausländern und der Truppen selbst reduzieren.

Die Europäer wollen künftig in Afrika ihre zivil-militärischen Aufbaueinsätze intensivieren. Würde ein Scheitern im Kongo da irritieren? UN-Generalsekretär Kofi Annan jedenfalls hat den nächsten Interventionsschauplatz schon avisiert: die sudanesische Krisenregion Darfur. "Da kommt was auf uns zu", heißt es im deutschen Verteidigungsministerium. Man rechnet inzwischen mit ständig wachsenden Anforderungen.