Mit einem Rückzug von Norbert Röttgen hatten sie im Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) nicht gerechnet. Irgendwie wollten sie es wohl auch nicht, denn sie hatten längst gepackt. Weg aus Berlin, Sommerpause machen, so stand es im Kalender. Präsident Jürgen Thumann genoss am Ende der vergangenen Woche bereits seine Ferien am Tegernsee und freute sich auf die Salzburger Festspiele. Ludolf von Wartenberg, als Hauptgeschäftsführer der Chefmanager des Hauses, räumte seinen Schreibtisch auf. Für den Abend hatte er eine Karte für die Rolling Stones im Olympiastadion – und danach wollte auch er fort. Am vergangenen Montag wäre sogar Pressechef Albrecht von der Hagen in die Toskana auf- gebrochen. BILD

Die Botschaft der BDI-Spitze war klar: Die Affäre um Norbert Röttgen hatte sich für sie erledigt, obwohl über den Wechsel des parlamentarischen Geschäftsführers der CDU-Bundestagsfraktion zum größten Industrieverband der Republik seit Wochen hitzig debattiert wurde. Der Politiker wollte auf Jahre beides – Abgeordneter sein und Hauptgeschäftsführer des BDI, also hauptamtlicher Lobbyist. Im Parlament, in der Öffentlichkeit, ja selbst im BDI wuchs die Kritik an so einem Doppelleben. Er halte das »für ausgesprochen schlecht«, schrieb der ehemalige BDI-Chef Michael Rogowski schon am 18. Mai an seinen Nachfolger Jürgen Thumann. Und Hans-Olaf Henkel, auch er ein früherer BDI-Präsident, sagte im ZEIT- Interview: »Sie können nicht die Interessen eines Verbandes vertreten und sich gleichzeitig der Disziplin einer Partei unterstellen«. Die BDI-Spitze meinte jedoch, die Kritik würde über den Sommer schon verstummen.

Doch dann kam abends, am Freitag vor einer Woche, eine dürre Mitteilung, und die Sache mit Nobert Röttgen war wirklich erledigt – nur nicht im Sinne des BDI. Der CDU-Politiker schrieb, er stehe »nicht mehr zur Verfügung«.

Seither steckt der über Jahre einflussreichste Wirtschaftsverband des Landes in der wohl tiefsten Krise seiner Geschichte: Weil ihm die zentrale Personalentscheidung seiner Amtszeit misslang, ist der BDI-Präsident so angeschlagen, dass ihn seine Vizepräsidenten mit Solidaritätsschreiben stützen müssen. Der bisherige Hauptgeschäftsführer von Wartenberg ist auf dem Weg in den Ruhestand und wird allenfalls bleiben, bis ein anderer gefunden ist, was die Organisation verunsichert. Denn Präsidenten bleiben nur wenige Jahre, Hauptgeschäftsführer im besten Fall für Jahrzehnte. Von Wartenberg wurde bereits 1989 gewählt und hat wie seine Vorgänger für die Kontinuität der täglichen Lobbyarbeit gesorgt. Doch so lange nicht klar ist, wer auf ihn folgt, und wenn der BDI gleichzeitig so wirkungslos bleibt wie in den vergangenen Monaten, werden die Selbstzweifel im Verband noch zunehmen.

»Der BDI hat erheblichen Schaden genommen«, urteilt Werner Marnette, Vorstandschef der Norddeutschen Affinerie. Er kennt den Verband durch jahrelange Mitarbeit von innen. »Und wenn der BDI schwach ist, leidet der ganze Standort Deutschland. Wir als deutsche Gesamtindustrie haben nun einmal keinen besseren Vertreter in Berlin. Schon gar nicht in Parlament und Regierung.« Der Zeitpunkt für die Krise ist aus Sicht der Mitglieder denkbar ungünstig. Denn nach der politischen Sommerpause verhandelt die Koalition über Gesetze, die der Industrie besonders wichtig sind: Unternehmensteuer-, Erbschaftsteuer- und Gesundheitsreform.

Was Thumann helfen würde, wäre ein Erfolg. Doch den kann er bisher nicht vorweisen. So bekommen jene Auftrieb, die glauben, Thumann setze die Bundesregierung nicht ausreichend unter Druck. »In Zeiten einer großen Koalition, in der die parlamentarische Opposition fast ausfällt, müssen die Wirtschaftsverbände die Politik treiben«, sagt Thumanns Vorgänger Michael Rogowski ziemlich direkt. »Die CDU war in den letzten Jahren unter Helmut Kohl zu wettbewerbsfeindlich, zu wenig freiheitlich und in manchem geradezu sozialistisch. Das hat der damalige BDI-Präsident Tyll Necker scharf kritisiert. Und es wäre heute wieder nötig.« Auch Diether Klingelnberg, einer von acht Vizepräsidenten, mahnte öffentlich einen härteren Kurs gegenüber Bundeskanzlerin Angela Merkel an.

Kritiker stoßen sich daran, dass Jürgen Thumann im Berliner Politikbetrieb ein höflicher Mensch geblieben ist. Der Präsident äußere sich oftmals so sanft, dass beim Zuhörer nur die lobenden Passagen hängen blieben.