Eigentlich klingt es wie eine Selbstverständlichkeit, wenn die Universität Gießen erklärt, dass die Entziehungen von Doktorgraden im Nationalsozialismus nichtig sind und dass damals vorenthaltene Verleihungen des Doktorgrades posthum vollzogen werden. Einzig der Zeitpunkt der öffentlichen Erklärung irritiert: Februar 2006. BILD

Zwar hatte der Senat der Hochschule »schon« 1967 die Entziehung von akademischen Doktorgraden in der NS-Zeit wegen politischer, rassischer oder religiöser Gründe einstimmig als nichtig, also von Anfang an unwirksam bezeichnet. Nur hielt es damals niemand für nötig, diesen Beschluss öffentlich zu machen, geschweige denn die Betroffenen davon zu informieren – so sie denn noch am Leben waren.

Allein in Gießen sind 51 Verfahren zur Entziehung des Doktorgrades nachweisbar. Betroffen waren vor allem jüdische Promovierte. In 35 Fällen wurde die Entziehung wegen der Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit oder der Einleitung von Ausbürgerungsverfahren ausgesprochen. In 16 Fällen wurde der Doktorgrad unter Verweis auf andere Gründe der »Unwürdigkeit« entzogen. Einem Betroffenen wurde das Doktordiplom verweigert und bei einem weiteren das Promotionsverfahren eingestellt.

Insgesamt sollen über 2000 Akademiker von den Depromotionen betroffen gewesen sein. 1685 Namen wurden allein zwischen 1937 und 1943 im deutschen Reichs- und Preußischen Staatsanzeiger veröffentlicht. In 1151 Fällen wurde die Aberkennung der deutschen Staatsbürgerschaft als Grund angegeben (eine Übersicht über die im »Dritten Reich« vollzogenen Depromotionen findet sich im Internet unter der Adresse: www.archiv.uni-leipzig.de/reichsanzeiger).

Die Westdeutsche Rektorenkonferenz wandte sich bereits 1950 an die Universitäten mit der Bitte, Angaben zu 350 namentlich aufgeführten Professoren zu machen. Deren Wiedereinsetzung sei »eine solidarische Ehrenpflicht«. Die Umfrage blieb ohne Resonanz.

Weil eine gesetzliche Regelung für ein automatisches und umfassendes Revidieren der Depromotionen fehlte, wurde nur in Einzelfällen und auf Antrag rehabilitiert. Die wohl einzige Ausnahme: Thomas Mann. Die Bonner Philosophische Fakultät erklärte gleich nach Kriegsende die »von ihrem nationalsozialistischen Dekan und SS-Mann Obenauer 1936 völlig eigenmächtig verfügte Aberkennung« für gegenstandslos. Weihnachten 1946 erhielt Mann eine erneuerte Doktorurkunde.

Noch 1999 waren bei einer Umfrage der Kultusminister-Konferenz zur Aberkennung akademischer Grade die meisten Universitäten weder in der Lage, Antwort auf die gestellten Fragen zu geben, noch wurde an den dort vorhandenen Quellen in dieser Frage geforscht.