Damals soll Schnee gelegen haben in Oberitalien. Man kann sich die Existenz einer solchen Substanz derzeit nicht so recht vorstellen. Doch im Januar des Jahres 1077 hatte sich Heinrich IV. samt Familie über die tief verschneiten Alpen gequält, um vor der Burg von Canossa den berühmten Kniefall zu tun. Drei Tage harrte er im Büßergewand aus, um Papst Gregor VII. zu bewegen, den wenige Monate zuvor verhängten Kirchenbann zurückzunehmen. Dieser starken Geste konnte sich der Papst nicht entziehen. Doch sollte dem König seine List wenig helfen: Die Loyalität seiner Fürsten gewann er auf Dauer nicht zurück, und als er 1106 starb, stand er erneut unter einem Kirchenbann. LÖWEN-Aquamanile, 12. Jahrhundert BILD

Das Geschehen von Canossa und die Metapher vom »Gang nach Canossa« sowie insgesamt die Anfangszeit der Romanik sind in Paderborn Gegenstand einer imposanten, seit fünf Jahren vorbereiteten, gut 700 Exponate umfassenden Ausstellung. Tatsächlich sind es sogar drei Ausstellungen in einer, auf drei Gebäude verteilt. Und wer seinen Besuch im Museum in der Kaiserpfalz beginnen lässt, den empfängt eine Kulisse schneebedeckter Alpen, aus dem Lautsprecher das Heulen eines unerbittlichen Windes und die natürliche Kühle eines mittelalterlichen Gemäuers.

Der Konflikt, der in Heinrichs Kniefall sein Sinnbild fand, ist hier in der Kaiserpfalz symbolisch nachgestellt: Am einen Ende des Saals Dokumente rund ums päpstliche Verdikt und am anderen ein vergoldetes, über und über mit Edelsteinen besetztes Reliquienkreuz, stellvertretend für Kirche und Seelenheil. Zur einen Seite ein massiver weißer Marmorthron aus dem Vatikan, zur anderen der von bronzenen Blättern umrankte Thron des Königs, der sich damals noch von Gott eingesetzt fühlte und seinerseits befugt sah, hohe Kirchenvertreter einzusetzen. Dieses königliche Recht zweifelte Papst Gregor VII. an; Heinrich IV. ließ sich zunächst nicht entmutigen und meinte gar, den Papst umgekehrt seines Amtes entheben zu können. »Steige herab, steige herab«, forderte er, doch der Papst dachte gar nicht daran.

Neben seidenen Bischofsgewändern glänzen italienische Marmormosaiken

Darin, dass die Kirche den Streit um die Investitur, also um das Recht zur Einsetzung von Geistlichen, gewann, wird heute der Beginn der Trennung von Staat und Kirche gesehen. Doch tut sich die Paderborner Ausstellung etwas schwer damit, eine solche bis heute gültige Bedeutung zu transportieren. Und für den Besucher noch schwieriger nachzuvollziehen ist der Zusammenhang zwischen dem stichwortgebenden Ereignis und Bismarcks Wort »Nach Canossa gehen wir nicht«, mit dem er den Canossagang als Metapher etablierte. Eins der drei Ausstellungshäuser ist dem Nachleben dieses Motivs gewidmet. Auch die Nazis, erfahren wir hier, haben diese Metapher wieder aufgegriffen, um die Kirchen zu diskreditieren. Und gewiss sind all dies bedenkenswerte Details der politischen Geschichte – doch zu viele davon auf einmal. Jeden Seitenpfad des Canossa-Themas haben die Ausstellungsmacher gleichsam zur Bundesstraße ausgebaut, andererseits verwirren Zeitsprünge wie die zwischen Karikaturen aus dem Wilhelminischen Kaiserreich, einer Berninischen Bronzestatuette und mittelalterlichen Evangeliaren.

Konzentrieren wir uns also ganz auf die Exponate aus der Zeit jenes Königs, der vergeblich vor Canossa kniete. Jedes der Exponate ist das Original, keines bloß Kopie. Und es kann einem ganz schwindlig werden, wenn einem klar wird, wie viel Gold, wie viel Edelstein und vor allem wie viel unwiederbringliche Handwerkskunst hier aus den Museen nicht nur ganz Deutschlands, sondern auch halb Europas versammelt sind! Noch einen Tag vor der Ausstellungseröffnung trafen die letzten Nachzügler ein, wickelten internationale Kuriere ihre Leihgaben vor den Augen der Ausstellungsmacher aus ihren Schaumstoffhüllen, schlüpften in weiße Handschuhe, um nichts zu berühren, und wenn doch, dann spurlos. Protokolle wurden angefertigt, in welchem Zustand welches Stück sich genau befand; die Aufschlagseiten der alten Handschriften blieben bis zum letzten Tag mit Papier bedeckt und so vor dem Lampenlicht geschützt, dem sie nun bis November ausgesetzt sein werden. Bischofsgewänder aus dunkelblauer byzantinischer Seide und italienische Marmormosaiken, Aquamanilen in Löwenform und elfenbeinerne Altartafeln, Bischofsstäbe und Reitersporen, Evangeliare und Miniaturen, Münzen, Sarkophagstücke und Säulenkapitelle mit den unterschiedlichsten Ornamenten… Hier wurden beeindruckende Schätze zusammengetragen.

Ein frisierter Kentaur futtert genüsslich ein kleines Säugetier