Eingeklemmt zwischen Mozart und Schostakowitsch, den anderen beiden Komponisten-Jubilaren des Jahres, dreht Robert Schumann sich geruhsam im Grabe um. Der weichlich-fleischige Mann mit dem starken Kinn und dem Angela-Merkel-Haarschnitt, der sich am Rosenmontag 1854 im Blümchenschlafrock bei Düsseldorf in den Rhein stürzt, er hat noch nie zur Identifikationsfigur getaugt. Genialisch begabt, gewiss, aber auch: verrückt. Nur eben nicht heroisch-verrückt wie Beethoven oder Pumuckel-verrückt wie Mozart, ja nicht einmal romantisch-vereinsamt-verrückt wie Schubert. Sondern einfach: labil. Schattenhaft. Ungemütlich. Wie seine Musik. Ein Lyriker, dem die Emphase durchaus glückte, in den Streichquartetten, in vielen frühen Liedern. Allerdings nie ohne Beschränkung, ohne nagende Gegenrede. Schumann komponiert mehrdimensional, und das verstört. Er schlüpft vom Hasen- ins Igel-, ins Hasenkostüm, schlägt Haken, ist immerfort da, wo niemand ihn vermutet. Und misst den Abstand zwischen Himmel und Erde von Tag zu Tag.

Ein fabelhaftes Beispiel für seine Ästhetik des Ambivalenten sind die Sechs Stücke in kanonischer Form , eine Studie für Pedalflügel zu drei (!) Händen von 1845. Das Ensemble La Gaia Scienza (mit den Pianisten Federica Valli und Lorenzo Ghielmi) hat dieses Opus 56 nun eingespielt, und es sind weniger die historischen Instrumente, die aufhorchen lassen. Gewiss, das bisweilen westernreife Scheppern der beiden Fortepianos, ihre verhungernden Legati, all das programmatische Nähmaschinengerattere und verhinderte Singenwollen, es legt den Finger in klaffende Wunden. Zwei Stücke tragen die Satzbezeichnung »innig«, zwei weitere die Ermahnung »nicht zu schnell«. Als kröche Schumann hier kopfüber in den musikalischen Satz hinein. Folgt man ihm, sieht man sich bald ratlos: Kennt die Melancholie in Nummer zwei ein Ziel jenseits der Bewegung? Warum wird das lerchenleichte Jubilieren des Andantinos in derartiges Zaudern und Zögern eingebettet? Und was ist der letzte Satz anderes als ein einziger kontrapunktischer Stoßseufzer?

Nicht einfach, mit solcher Musik Umgang zu pflegen. Noch schwerer zu begreifen, dass diese CD eine der raren monothematischen Neuerscheinungen des Schumann-Jahres 2006 darstellt.

Wohl spekuliert Hélène Grimaud in Réflexions (DG 4775892) über die künstlerische Ménage-à-trois mit Johannes Brahms, und Lang Lang wagt sich an die Kinderszenen (DG 4775976); doch keine Lieder, keine Symphonien, nichts zur Spätwerk-Debatte. Schumann doesn’t sell, sagt die Plattenindustrie, daran gibt es auch zum 150. Todestag wenig zu rütteln. Das Œuvre bleibt schwierig, mittelstimmig schillernd, gleichsam nach vorn wie nach hinten offen. Dass der Komponist selbst darum weiß, macht die Sache nicht leichter. Sein Klavierquintett – Ausdruck der berühmten Fugenpassion und von La Gaia Scienza mit Verve und fulminantem Einfühlungsvermögen in die Brüche gespielt – sucht vor diesem existenziellen Unbehagen Schutz unter den Fittichen des Meisters aller Meister. Denn Bach, so der junge Schumann, frisch von der Syphilis kuriert, »war ein Mann – durch und durch; bei ihm gibt’s nichts Halbes, Krankes, ist Alles für ewige Zeiten geschrieben.«