Um heute einem Teenager zu erklären, warum Michael Jackson den Beinamen »King of Pop« trägt, muss man tief in die Plattenkiste greifen. Die bloße Nennung des Namens ruft bekanntlich nur noch Erinnerungen an ein durch plastische Chirurgie verunstaltetes Geschöpf wach, das in künstlicher Kindheit lebt und sich wohl nie wieder von dem Vorwurf reinwaschen kann, auf seiner Neverland-Ranch Kinder missbraucht zu haben. Dass dieser Freak von Mensch tatsächlich einmal Musiker war, belegen indes seine Alben, die unlängst in digital remasterter Form wiederaufgelegt wurden, am eindrucksvollsten Thriller aus dem Jahre 1982.

Auf der Innenseite des Klappcovers räkelt sich ein junger dunkelhäutiger Mann in weißem Anzug, an seinem rechten Bein klettert ein Tigerbaby empor: unschuldige Spielereien, die alle ansprechen wollen. Thriller beweist, dass Mainstream kein Schimpfwort ist, sondern die maximale Zugänglichkeit eines Kunstwerks beschreibt: Mit über 60 Millionen verkauften Exemplaren ist es das erfolgreichste Album der Musikgeschichte, sieben der neun Songs kamen in die Top 10 der US-Charts.

Die Mischung aus Soul, funkigem Dancefloor und Rock wirkt auch heute noch: niemand, der zu Billy Jean oder Beat It nicht den Körper bewegen will. Vortänzer Jackson turnt vor dem inneren Auge herum, seine Hits haben eine visuelle Signatur. Denn jede Single wurde von einem genreprägenden Videoclip begleitet. Beim Song Thriller sieht man Jackson sofort mit seiner Werwolf-Gang durch die Nacht tanzen. Und zu Billy Jean zeigte er in einer Fernsehshow erstmals seinen spektakulären Moonwalk, bei dem er mit den Bewegungen des Vorwärtsgehens rückwärts läuft. Das Album stellt den Scheitelpunkt von Jacksons Karriere als Sänger, Tänzer und Komponist dar, den Moment, als sich Größenwahn und Kunstfertigkeit produktiv ergänzten. Thriller ist der historische Anker, der das konstante Interesse der Öffentlichkeit am einstigen »King of Pop« erklärt.

Er wr ein demokratisch legitimierter Souverän, denn bei Thriller hörten alle hin – und alle wollten mitmachen. So nimmt das Album nebenbei die heute inflationäre Praxis der Gastauftritte vorweg: Paul McCartney duettiert mit Jackson in The Girl Is Mine, Eddie Van Halen spielt das Gitarrensolo bei Beat It, und im Titelsong rappt der Horror-Schauspieler Vincent Price. Wie die Gäste für den Gesamtbereich der Popkultur stehen, so hat alles eine die Musikgeschichte bündelnde Tiefe: Jacksons stark rhythmisierter Gesang und seine Kiekser verweisen noch nicht allein auf seine zackige Choreografie und den Griff zwischen die Beine, sondern auf die Tradition schwarzer Motown-Musik und seine profunde Ausbildung, die er seit dem vierten Lebensjahr, angetrieben vom Vater, als Sänger der Jackson Five erhielt. Thriller ist ein von einem eigenwilligen Künstler geprägtes und integratives Werk, wie es Jackson bloß noch einmal 1985 mit der We Are The World -Benefiz-Single gelang.