Zeit kann Wunden auch heilen, indem sie sichtbarer werden. So ist jetzt zum 450. Todestag des Ignatius von Loyola, der den einflussreichsten und umstrittensten Orden seiner Kirche schuf, ein monumentales Buch entstanden. Sachlich, kritisch, hagiografischen Schwachsinn meidend, verbindet der Historiker Helmut Feld, der selbst einmal Jesuitenschüler war, die Lebensbeschreibung des 1622 heilig gesprochenen Spaniers mit der bewegten Geschichte seines Ordens, der von 1773 an sogar vier Jahrzehnte lang durch päpstlichen Befehl aufgelöst war. Aufstieg wie Niedergang und Neubeginn dieser Gesellschaft Jesu (Societas Jesu, SJ) sind vorgezeichnet durch die Eigenart ihres Gründers: Als einer der größten Visionäre der Religionsgeschichte, dem damit auch seine Verarbeitung von Neurosen gelang, hat Ignatius die spätmittelalterlichen Krisen seiner Kirche durchlebt und Reformatoren ignoriert. Dabei hinterließ er den zweifelhaften Eindruck von Sonderwegen in der Moral sowie das Zeugnis großer Persönlichkeiten des Ordens, von denen der Autor zwanzig porträtiert.

Nur sehr kurz wird die politisch-soziale Aktivität der Jesuiten in den Stürmen des 20. Jahrhunderts beschrieben. Ihre dramatische Hungerhilfe für Russland und der Anfang vatikanischer Ostpolitik mit den Moskau-Reisen des Jesuiten dHerbigny (1880 bis 1957) werden leider total verschwiegen. Ein Mangel, der freilich das Bild des großen Ignatius so wenig berührt wie jener unaufhaltsame Zerfall der Gesellschaft Jesu, den der Autor uns ankündigt. Sein Buch beweist jedoch: Nicht alles ist vernichtet, was sich historisch verändert.

Helmut Feld: Ignatius von Loyola

Gründer des Jesuitenordens - Böhlau Verlag, Köln 2006 - 483 S., 29,90