Die Straße endet an einem Steg. Am Ufer hängen Weiden ins Wasser, weiße Villen stehen in großzügigem Abstand zueinander, davor glänzen die Autos auf dem Kopfsteinpflaster. Wir sind in Hamburg, in Hamburg-Harvestehude, an der Alster. Die Gartentür ist offen, Ulla Hahn steht an der Haustür. Der Teetisch im Wintergarten ist bereits gedeckt. Kurz darauf lehnt sie sich entspannt in eine weiße Ledercouch.

Worüber wollen wir reden?, fragt sie. Über sie selbst. Über ein Mädchen, ein Arbeiterkind, das über Worte eine neue Welt entdeckte.

Über eine Dichterin, die damit für viele Frauen zur Symbolfigur geworden ist. Über eine Aufstiegsgeschichte, die schließlich in die Hamburger Großbürgerlichkeit mündet.

Ulla Hahn, 60, ist im rheinischen Monheim aufgewachsen. Sie promovierte in Germanistik, hatte Lehraufträge an verschiedenen Universitäten, war Kulturredakteurin, schrieb Gedichte und Romane.

Marcel Reich-Ranicki machte sie früh als Lyrikerin bekannt. Zwanzig Jahre später erhielt sie für ihren Roman Das verborgene Wort, der eine Kindheit im Rheinland der fünfziger Jahre beschreibt, den Deutschen Bücherpreis 2002. In drei Wochen erscheint ihr erster Band mit Erzählungen: Liebesarten.

Ulla Hahn wollte einst heraus aus der Provinz. Sie entfloh durch das Lesen, mit dem Studium: Ich hätte nichts gegen einen gutbürgerlichen Hintergrund gehabt. Von einer Außenseiterposition zu starten ist so, als müssten Sie in einem 100-Meter-Lauf erst schon einmal 100 Meter zusätzlich zurücklegen. Vor dem Startpunkt. Vielleicht macht es einen stärker, aber es verschleißt einen auch.

Ihren Aufstieg hat sie in Das verborgene Wort verarbeitet. Es ist in weiten Teilen ihre eigene Geschichte: ein Mädchen, das Bücher nach Hause trägt, die ihre Eltern nicht verstehen. Die auf Unverständnis stößt, weil sie Lessing-Monologe aufsagt, und die mit ihren vielen Fragen eine Fremde im Dorf bleibt. Das Buch endet vor dem Studium, aber die Fortsetzung ist bekannt: Ulla Hahn wird eine der renommiertesten deutschen Lyrikerinnen.