Es gab einmal eine dunkle, dumme und gefährliche Zeit, da dachten die Deutschen, alles, was typisch deutsch sei, sei auch gut und anderen überlegen. Das war natürlich Unfug. Heute hingegen denken die meisten Deutschen, alles, was typisch deutsch sei, sei darum automatisch falsch. Das ist natürlich ebenfalls Unfug, wenn auch nicht so gefährlicher. Üblicherweise fällt bei dem Urteil typisch deutsch = typisch falsch das Stichwort vom Sonderweg. Dann erschrecken alle.

Besonders, wenn sich Deutschland binnen weniger Tage gleich zweimal abweichend verhält.

Genau das ist jetzt geschehen. Beim G8-Gipfel in St. Petersburg stand Angela Merkel mit ihrem Atomausstieg allein da. (Dabei ist sie persönlich gar nicht gegen AKWs, aber das führt jetzt zu weit.) Wenige Tage später fand Forschungsministerin Schavan in Brüssel wenig Freunde, als sie sich gegen das Töten von Embryonen zur Stammzellgewinnung wandte. (Sie ist übrigens wirklich und persönlich dagegen, aber das nur nebenbei.) Zwei strategische Fragen, zweimal ist Deutschland einsam, das klingt in der Tat nach Sonderweg, kann aber das sei hier betont trotzdem sachlich richtig sein.

Allerdings sollte man derlei Sonderhaltungen öfter überprüfen, besonders wenn die Zahl der Unterstützer sinkt und die Umstände sich rapide ändern. Bei den beiden genannten Themen tut sich seit 1999 (AKWs) beziehungsweise seit 2001 (Embryonen) nichts mehr. Die Überprüfung und Modernisierung der bestehenden Kompromisse könnte eine schöne Aufgabe für unsere ebenso mutige wie Große Koalition sein.