Aus dem Süden kommt das Licht. Sonnenhunger und Sommernachtsträume beflügeln die Franzosen seit 70 Jahren, im August an die Mittelmeerküste zu fahren. Als sie 1936 das Recht auf bezahlten Urlaub bekamen, wurde die Route Nationale 7 zur Ferienstraße, die von Paris an die italienische Grenze führt. Längst hat ihr die Autobahn den Rang abgelaufen. Seit Januar existiert nicht einmal mehr der Name. Der Staat hat seine Rechte an der legendären Route den Départements übertragen, und die roten Quadrate aus Emaille mit der Inschrift »N7« über den Verkehrsschildern werden demnächst abgehängt. Doch der Mythos lebt. Ihm fahre ich nach. Bei Kilometer 78 spendet die Platanenallee von Orgon Schatten. Die Fahrt führt vorbei an Reklamen und Tankstellen der fünfziger Jahre BILD

»Lassen Sie sich vom Chaos am Anfang nicht abschrecken«, sagt Thierry Dubois. »Erst hinter Fontainebleau kommt Urlaubsstimmung auf. Da beginnen die Champs-Elysées Frankreichs.« Der 43-jährige Comiczeichner hat die RN7 zur Quelle seiner Inspiration gemacht. Mehr als hundertmal ist er in den letzten zehn Jahren von der Grauzone in die Blauzone gerollt – mal im Triumph, Ami 6 oder neuerdings in einem alten Peugeot 404. An diesem Morgen muss der Autonarr und Nostalgiker zu Hause in der Hauptstadt bleiben, doch lässt es sich nicht nehmen, mir zum Auftakt meiner Testfahrt ein paar Tipps mit auf den Weg zu geben.

Wir stehen auf dem Parkplatz einer Raststätte am Flughafen von Orly, wo die Route Nationale noch sechsspurig und von Abgasen verpestet ist. Dubois winkt mich in den fließenden Verkehr hinein. Beim Abschiedsblick durch den Rückspiegel sehe ich, wie sein chromblitzender Peugeot allmählich im Staub der Piste verschwindet. Eingezwängt zwischen dröhnenden Lkw, rollt mein roter Clio zaghaft los. Linker Hand ein Concorde-Wrack, dessen graues Spitzmaul durchs Ampelmeer die Richtung nach Süden anzeigt.

Unter der Dunstglocke der Banlieue brüten Evry und Les Tarterêts. Die Ortsschilder mit den aufgedruckten Gänseblümchen suggerieren blühende Trabantenstädte, die Straßen wurden malerisch nach Matisse, Dufy oder Monet benannt. Trotzdem rebellierten die Jugendlichen im letzten Herbst. 80 Prozent der Einwohner stammen hier aus dem Maghreb, von den Antillen oder der Elfenbeinküste. Notdürftig ausgebildet und arbeitslos, leben sie auf ein paar Quadratmetern im sozialen Wohnungsbau. Heute aber brennen auf der heißen Meile der Vorstadt keine Autos mehr. In bescheidenen Werkstätten werden Kleinwagen repariert, Männer in Dschellabas stehen Schlange für den nächsten Bus, Mütter, die wie Mädchen aussehen, tragen ihre Babys über den Zebrastreifen zu Burger King.

Thierry Dubois hat Recht. Erst ab Fontainebleau, an der Kreuzung mit dem Obelisken, den sich Ludwig XVI. errichten ließ, beginnt die Landpartie. Bald schnurrt mein Auto durch Kastanien- und Lindenalleen, die den Postillons schon vor der Großen Revolution Schatten spendeten. Die Lastwagen sind westlich auf die Nationalstraße 6 nach Burgund abgebogen. Waldgeruch zieht durchs offene Seitenfenster, die Ile de France trägt ihr großes Grünes. Rechts geht’s nach Barbizon, wo die Straßen ebenfalls Malernamen tragen. Doch da haben Corot, Millet und Rousseau wirklich gewohnt und ihre Staffeleien eigenhändig ins freie Feld gerammt. »Man ist glücklich auf der Route Nationale 7«, schmettert aus dem Kassettenteil des Autoradios der Chansonnier Charles Trénet wie vor einem halben Jahrhundert.

Dann und wann scheinen auf Hauswänden Erinnerungen an die fünfziger Jahre durch: verblasste Fresken eines vergangenen Alltags, bleiche Schriftzüge einer Waschmittelwerbung, ausgewaschene Limonaden- und Aperitifreklamen für die Duponts und Legrands in ihren heiß gelaufenen Kisten. Les 100 Bornes hieß der Gasthof bei Kilometer 100. Zwischenstopp, vielleicht etwas Kühlwasser in die Dauphine einfüllen, das Kindergequengel mit einem Glas Orangina besänftigen. So war es früher, heute hält hier niemand mehr. Die Scheiben der Raststätte sind eingeschlagen, die Mauern dienen als Plakatierungsfläche. Kein Wirt, der einen Milchkaffee serviert.

Erst bei Kilometer 131, bei Les Bézards, wo das Tal der Loire sich mit Herrenhäusern wie Lustschlössern ankündigt, parke ich meinen unscheinbaren Mietwagen zwischen einem Jaguar und einem Porsche Cayenne. Die trutzige Fachwerkanlage der Auberge des Templiers, einst Sitz des mittelalterlichen Templerordens, bietet Feinschmeckern Kost und Logis. Im Hotelpark hinter den strohgedeckten Gebäuden verebbt der Lärm der Straße. Kellner in weißen Zweireihern reichen frisch gepressten Orangensaft, dezent gebräunte Golfer trinken Champagner aus Kristallgläsern, gedämpfte Stimmen, flirrendes Licht unter zweihundertjährigen Ahornen. Und im Hintergrund, eingebettet zwischen mächtigen Rhododendren, ein jähes, noch spärliches Blau. Die Farbe des Pools gibt mir eine Ahnung von dem wirklichen Blau, das am Ende dieser Reise auf mich wartet. Die Reiseroute als PDF BILD