Am frühen Abend des 8. Juli kletterte der elfjährige Rani Hajaj auf das Dach seines elterlichen Hauses in Schadschaja am Stadtrand von Gaza-Stadt. Es ist nicht eines der hier typischen Häuser, die in den Gassen höher und höher wachsen. Das zweistöckige Gebäude steht für sich allein auf freiem Feld. Vom Dach aus sieht man im Westen das chaotische Gewühl der Stadt. Auf der anderen Seite, im Osten, stehen verlassene Lagerhallen und aufgegebene Industrieanlagen. Dahinter zieht sich in 800 Metern Entfernung der Grenzzaun zu Israel über das sanft gewellte Hinterland. Eine Straße führt an dem Haus vorbei zum Grenzübergang Karni. Sie verliert sich zwischen verwilderten Feldern. Alles ist ruhig. Der Palästinenser Farid Hajaj
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In den frühen Morgenstunden noch waren israelische Panzer ganz nahe bis zu den Feldern auf der anderen Straßenseite herangerückt. Junge Männer und Teenager waren ihnen entgegengelaufen, hatten den Soldaten zugerufen, dass sie Feiglinge seien, und mit Steinen nach ihnen geworfen. Arabischen Zeitungsberichten zufolge mischten sich auch Freischärler unter die Menge, bewaffnet mit Kalaschnikows und Raketenwerfern. Im Verlauf des Tages töteten die Israelis vier von ihnen. Dann hatten sich die Panzer zurückgezogen und in einem halben Kilometer Entfernung geparkt.

Die Explosion schleuderte Schaban vier Meter weit durch die Luft

Rani hörte jetzt das Brummen eines Flugzeugs. Eine Drohne offenbar, er dachte sich nichts weiter dabei. Es kommt oft vor, dass eine israelische Drohne in diesem Krieg über den Häusern kreist.

Als Rani vom Dach des elterlichen Hauses kletterte, hörte er wieder die Geräusche eines Flugzeugs. Eine halbe Stunde später waren seine Mutter, seine jüngste Schwester und ein Bruder tot. Drei weitere Brüder waren schwer verletzt.

Man brachte Rani auf die orthopädische Station des palästinensischen Schufa-Krankenhauses, in Gaza-Stadt. Sein linker Unterschenkel wurde mit einer Stahlschiene verschraubt. Die nackte Brust ist wie von einem Hautausschlag mit kreisrunden, teilweise infizierten Wunden übersät. Fast die Hälfte seines Gesichts ist verbrannt, sein Kopf liegt auf einem mit Flugzeugmustern verzierten Kissenbezug. Die Flugzeuge scheinen von allen Seiten auf ihn einzustürzen.

Ein Krieg hat die Familie Hajaj erfasst, mit dem Israel die Freilassung des im Juni von der Hamas entführten Gefreiten Gilat Schalit erreichen will. Am 28. Juni marschierte die Armee zuerst im Süden, später im Norden und dann im mittleren Gaza-Streifen ein. Die Luftwaffe bombardierte den Amtssitz des palästinensischen Ministerpräsidenten Ismail Hanija, drei weitere Ministerien, zahlreiche Brücken und das zentrale Elektrizitätswerk.