Selten ist in der Geschichte der Strategie, die gewiss reich ist an Übertreibungen, eine Gefahr so aufgebauscht worden wie die des internationalen Terrorismus. Und noch immer stricken Politiker und Medienmänner weiter an der Legende, die sicherheitspolitische Herausforderung des militanten Islams stünde der einstigen »sowjetischen Bedrohung« nicht nennenswert nach. Dass dabei bürokratische Machtinteressen kräftig mitspielen, zeigt Jonathan Stevenson, Forschungsprofessor am US Naval War College, in der Sommerausgabe von Survival, der Zeitschrift des Londoner Internationalen Instituts für Strategische Studien. Im »Krieg gegen den Terror« in aller Welt geht es auch darum, auf eigenem Boden Terrain abzustecken.

Unter dem Titel Demilitarizing the »War on Terror« setzt sich der Autor mit der ungebrochenen Neigung des US-Pentagons auseinander, transnationalen Terrorismus militärisch zu bekämpfen. Dass dies nicht funktioniert, ist inzwischen eine Binsenwahrheit: Was hätte militärische Macht gegen die Londoner U-Bahn-Bomber ausrichten können? Auch Donald Rumsfeld und seine Planer räumen ein, dass transnationaler Terrorismus nicht mit militärischen Instrumenten bezwungen werden kann. Umso mehr setzen sie, wie Professor Stevenson nachzeichnet, auf militärische Spezialtruppen und entwickeln Szenarien, die deren Verwendung nahe legen sollen.

Heute verfügt das Pentagon über mehr als fünfzigtausend Mann in diesen Spezialeinheiten, die schon lange das Lieblingskind Rumsfelds sind, und weitere Aufstockungen von Personal und Haushalt sind vorgesehen. Gewiss sind solche Truppen im grauen Bereich zwischen offener und klandestiner Operation nützlich. Aber wozu braucht man sie in diesen Mengen? Gerechtfertigt wird der wachsende Umfang durch die Behauptung, terroristische Gruppen operierten, wie einst al-Qaida in Afghanistan, vornehmlich von fragilen Staatswesen aus und könnten dort von US-Spezialeinheiten bekämpft werden. Beides soll den Anspruch des Pentagons untermauern, weiterhin im amerikanischen Antiterrorkampf das entscheidende Wort zu behalten – vor Außenministerium und CIA.

Das Szenarium stimme aber nicht, meint Stevenson. »Das Stück vom Antiterrorkuchen, das militärisch bedeutend ist, ist ziemlich klein und schmilzt weiter.« Der heute bedrückendste Trend terroristischer Verbreitung sei die dschihadistische Infiltration in Europa, es handelt sich also nicht gerade um Staaten, die verfallen. Deshalb sei hier die Vorstellung eines massiven Einsatzes amerikanischer Spezialkräfte ziemlich absurd.

Es war eben falsch, argumentiert Stevenson, den Kampf gegen Terroristen mit einem Krieg gleichzusetzen, wie dies in den USA von Anfang an betrieben wurde. Dadurch habe sich das Pentagon in seiner Rolle als Ministerium für »Verteidigung« herausgefordert gefühlt, den »Krieg« militärisch zu führen. Die Militarisierung des war on terror jedoch sei nicht nur ineffektiv, sie führe zudem gerade dazu, unverbundene lokale Konflikte zu Schlachten in einem globalen Konflikt zu stilisieren.

Stevenson vermutet, dass selbst die Soldaten in Rumsfelds Ministerium mehrheitlich nicht an eine größere militärische Rolle in diesem Kampf glaubten. Er zitiert den früheren obersten Stabschef, General Myers: »Wer ›Krieg‹ sagt, denkt für die Lösung an Leute in Uniform«, während es doch vor allem »eine diplomatische, wirtschaftliche und politische Aufgabe« sei. Die zivile Leitung des Pentagons dagegen nutze geschickt eine verbreitete Wunschvorstellung, der Terrorismus lasse sich mit Amerikas einzigartiger militärischer Macht in die Schranken weisen, und rechtfertige so seine Vormachtstellung in Washington sowie seinen riesigen Verteidigungshaushalt.

Stevensons Quintessenz ist politisch fast verwegen: Statt des Pentagons sollten endlich die nichtmilitärischen Teile der US-Regierung die Führungsrolle in dem Kampf gegen den Terrorismus übernehmen. Dass Terrorgefahren kaum mit Panzern und Soldaten, sondern allenfalls mit nachrichtendienstlicher und polizeilicher Sorgfalt eingeengt werden können, ist heute kaum noch jemandem verborgen. Wann diese Erkenntnis sich im Washingtoner Machtspiel um Geld und Einfluss durchsetzen wird, bleibt offen – über Bush hinaus.
Christoph Bertram