Zu alledem, was in meiner Branche, in der Literaturkritik, keine Kunst ist, gehört auch das Updike-Loben. Man sagt: »Ich zähle Updike zu den bedeutendsten Erzählern unserer Tage.« Vor Jahren habe ich versucht, in der Disziplin des Updike-Lobens zu glänzen, indem ich ihn »den Weltmeister der Literatur« nannte. Dahinter steckte auch eine Art von niedriger Ironie, die einem gegen Leute, an die man nicht heranreicht, ein bisschen hilft, zumindest so sehr, dass man nicht unprofessionell sprachlos bleibt. Dennoch habe ich bis heute die Vorstellung, ein Text von Updike ist immer dermaßen gut gelungen, als wäre Literatur überhaupt aus einem weltweiten Wettstreit hervorgegangen, den, sagen wir, alle acht Jahre John Updike gewinnt.

Die Anfänge des amerikanischen Schriftstellers, seine frühen Erzählungen, sind nun unter dem Titel Glücklicher war ich nie bei rororo erschienen. Seltsam, die Befassung mit dem Glück – sie hat derzeit Konjunktur; es ist bekannt, dass das Thema Glück per se eine Falle stellt: Wenn man es (gleichgültig, ob theoretisch oder praktisch) fixiert, dann wird das Glück gegenstandslos und verschwindet. Das liegt aber auch daran, dass das Glück tatsächlich etwas Gegenstandsloses hat, und von dieser Gegenstandslosigkeit erzählt eine von Updikes Geschichten. Der, der darin niemals glücklicher sein wird, erlebt, wie das Glück sich einstellt, wie es passiert, ohne dass es direkt auf der Tagesordnung stand; das Glück, wenn es da ist, hat sicher einen Grund, zum Beispiel »zu wissen, dass zwei Mal seit Mitternacht ein Mensch Vertrauen genug zu mir gehabt hatte, an meiner Seite einzuschlafen«. Aber solche Gründe lassen sich nicht erzwingen oder anstreben; den Sinn für sie muss man mitbekommen haben, und wenn dies der Fall ist, so meine These, verliert man sich in keiner Glücksuche mehr.

Updikes Vorwort zu dem Band ist von großem Interesse, weil es die Erzähltheorie enthält. Es ist nicht Updikes Erzähltheorie, sondern die Erzähltheorie schlechthin, so wie sie schon oft genug, aber anscheinend noch nie genug formuliert wurde. Die Wiederholung ist hier nichts, was gegen ein unbedingt einzuhaltendes Neuigkeitsgebot verstieße. Sie gehört zu den Selbstvergewisserungen der Schriftsteller, die damit nicht zuletzt »die Literatur« zusammenhalten: »Das gelebte Leben ist gegenwärtig durch die Fragmente, die aus der Erfahrung stammen und die der Autor mit Hilfe seiner Phantasie zu unpersönlichen Kunstgegenständen umgebildet hat.« Und weshalb diese Umbildung? Weil die Kunst hofft, »der Endlichkeit zu entkommen durch Bravourstücke der Wahrnehmung, der Harmonie, der alles erhellenden Querverbindungen.« Aber der Hoffnung haftet das Scheitern an, denn die Kunst »erreicht bestenfalls doch nur eine langsamere Art des Vergehens«.

Das Streben nach Glück ist immer nur Streben. Der Tod verlangt seinen Zoll

Metaphysisch bringt also der Schriftsteller kaum mehr zusammen als die meisten Menschen. Auch ihm ist das Glück ein leeres Blatt: »Aber wann war das Glück je Gegenstand des Erzählens? Das Streben danach ist immer nur dies – ein Streben. Der Tod und seine Adjutanten verlangen von jeder Transaktion ihren Zoll… Unzufriedenheit, Konflikt, Verlust, Trauer, Furcht – das sind die unvermeidlichen Themen, die es wert sind, dargestellt zu werden«, und diese Darstellung, behaupte ich, hat ein eschatologisches Moment, das ein wenig dabei hilft, die ewige Vergänglichkeit, also die Endlichkeit, zu ertragen. So spricht sich die alte Verwandtschaft der Kunst mit der Religion aus.

Beim Schriftsteller ist sie aber mit einem Wirklichkeits- und einem Schönheitssinn verbunden und bei einem realistischen Schriftsteller wie Updike mit der Feier des Alltags. Updike beschließt sein Vorwort mit der Erinnerung an jenes Zimmer aus den frühen Jahren, »wo ich zu nichts anderem verpflichtet war, als die Wirklichkeit zu beschreiben, wie sie mir erschien – der Schönheit des Alltäglichen seinen Tribut zu zollen«. So steht es wörtlich im Buch, und ich gebe zu, ich würde lieber der Schönheit ihren Tribut zollen, aber ich habe Verständnis für Geschlechterprobleme bei Updike: Er gehört zu den Schriftstellern, die vom Feminismus nicht aufgeklärt sind, die daher die Dominanz ihrer männlichen Perspektive unverstellt verraten. In der Erzählung Flügge, der für mich schönsten im Band, erleidet ein Junge bei einem Debattier-Wettstreit eine schwere Niederlage, aber er hat Glück in der Liebe und ahnt zum ersten Mal, »was es bedeutet, eine Demütigung im Körper einer Frau zu begraben«.
Franz Schuh