Die Verhandlungsrunde bei der Welthandelsorganisation (WTO) ist gescheitert, aber WTO-Direktor Pascal Lamy liegt falsch: Es gibt nicht »nur Verlierer«, wie er am Montag erklärte. Die Gewinner feiern bereits. US-Abgeordnete berichten, dass die Baumwollfarmer in ihren Wahlbezirken nicht unzufrieden seien. Ähnlich dürften es viele deutsche oder französische Bauern sehen, deren Subventionen nun ebenfalls langsamer abgebaut werden. Auch aus Brasilien und Indien melden Politiker, dass die gescheiterte WTO-Verhandlung für sie »immer noch besser« sei als eine nur halbwegs geglückte. Das Logo der WTO zeigt mehr Harmonie, als die Verhandler bislang erreichen konnten BILD

Das größte Problem der Doha-Runde war ihre unklare Kennzeichnung. Zur »Entwicklungsrunde« hatten ihre Gründer sie zu Anfang des Jahrtausends erklärt – und damit signalisiert: Reichere Länder machen Zugeständnisse, um ärmeren zu helfen. Die ärmsten Nationen Afrikas könnten profitieren, wenn sie erst ungehindert Agrarprodukte in der reichen Welt verkaufen. Bringt Doha unter Dach und Fach, dann wird der Welthandel Afrika retten. So hieß es allenthalben.

Das war gute PR, aber eine fahrlässige Vereinfachung. Den ärmsten Ländern wird schon heute vielerorts bevorzugter Marktzugang gestattet. Etliche arme Länder exportieren jedoch kaum Agrarprodukte, sondern importieren sie. Erfolgreiche Agrarexportnationen wie Brasilien allerdings lieben ihre eigenen Handelsschranken und verteidigen sie nach Kräften. Und die reichen Industrieländer waren in der Doha-Runde nie wirklich für Verhandlungen über den Agrarsektor zu begeistern – der bei ihnen weniger als zwei Prozent zum Sozialprodukt beiträgt, in dem aber eine lautstarke Bauernlobby dominiert. Also forderten Industrieländer als Gegenleistung Dinge, die in vielen Entwicklungsländern kaum durchsetzbar sind: eine Stärkung von Urheberrechten (für Software oder Medienprodukte aus dem Westen) oder freiere Dienstleistungsmärkte (für westliche Banken oder Mobiltelefonbetreiber).

Bekommen haben nun alle nichts, gewonnen haben jene, die vieles beim Alten lassen wollten. Aber wer zählt wirklich zu den Verlierern?

Nicht bloß die Ärmsten der Welt. Auch die Verbraucher in den Industrienationen, die weiterhin mehr für ihr Obst zahlen, weil preisgünstigere Angebote etwa aus Afrika nicht zollfrei hereindürfen. Oder der Umweltschutz. Die US-Regierung will den Anbau von sauberen Pflanzentreibstoffen für Autos subventionieren. Dabei stellt Brasilien längst solche Treibstoffe her, aus Zuckerrohr, preiswerter und mit weniger Aufwand für künstliche Bewässerung. Nur: Nach Amerika kommt dieses Zuckerrohr kaum. Auf die Einfuhr werden hohe Zölle erhoben.