Eigentlich spricht alles dafür, dass der Roman Ein Sommer in Baden-Baden das Werk eines Amateurs ist. Doch das einzige Buch, das sich der Arzt Leonid Zypkin, Verfasser zahlreicher wissenschaftlicher Artikel und glühender Verehrer der russischen Literatur in seiner spärlichen Freizeit abgerungen hat, ist eine der schönsten Entdeckungen der jüngeren Literatur.

Zypkin, der 1926 in Minsk als Kind russisch-jüdischer Eltern – beide Mediziner – geboren wurde, hat ein halbes Leben lang für diesen Roman recherchiert und ihn schließlich von 1977 bis 1980 geschrieben. Ein Sommer in Baden-Baden, der Sowjetzeit gegenüber negativ eingestellt, konnte nur im Exil erscheinen, als Fortsetzungsroman in der russischsprachigen Nowaja Gaseta in New York. Am 20. März 1982, eine Woche nach der Veröffentlichung, starb der Autor. Darauf tauchte das Werk in den kapitalistischen Untergrund ab, wo es Susan Sontag – in einer Londoner Bücherwühlkiste – entdeckte und der Welt(literatur) zurückgab.

Dort wird das Werk bleiben, nicht nur wegen seines Spätzünderschicksals, das es mit so manchem Klassiker des 20. Jahrhunderts teilt. Allein schon für seine Sprache gebührt ihm ein Sonderplatz. Wer das, was Sontag in ihrem Vorwort den »verblüffenden Zypkin-Satz« nennt, einen hüpfend mäandernden Endlosschlaufensatz, der, einen Gedankenstrich als Hochsprungstab nutzend, von Schauplatz zu Schauplatz hüpft, vergleichen will, muss schon die Großmeister Proust bis Hrabal bemühen.

Es fängt in der Eisenbahn von Moskau nach Leningrad, also klassisch, an. Zypkins namenloses Alter Ego liest während der Fahrt das Tagebuch von Dostojewskijs zweiter Frau Anna Grigorjewna. In der Vorstellung des Erzählers reisen »gleichzeitig« die jung verheirateten Dostojewskijs im April 1867 von Petersburg nach Deutschland. Der Zypkinsche Langsatz hat seinen Ursprung nicht zuletzt in diesen beiden dem Roman die Struktur gebenden Zugfahrten und macht es möglich, dass sich die sowjetische Gegenwart mit der zaristischen und der deutschen Vergangenheit vermengen. Dresden, dann Baden-Baden, Petersburg und das spätere Leningrad, die Zaren- und die Sowjetzeit, das alles entsteht und vergeht in einer Zeitgleichheit, die wir sonst nur vom Traum her kennen. Und das ist Ein Sommer in Baden-Baden auch: ein Traumroman, ein Traum von einem Roman.

Zu Recht deckt Sontag in ihrem klugen Vorwort eine Verwandtschaft zu W. G. Sebald (für den sie in den USA ebenfalls eine Lanze gebrochen hat) auf. Der alles sorgfältig dokumentierende Zypkin hätte sein Buch vielleicht ebenfalls mit Fotografien ausgestattet, so wie er es in der Zeitschriftenausgabe gemacht hat. (Hätte der Verlag vielleicht das Wagnis eingehen sollen, das Buch zu bebildern?) Was diese Autoren jedoch unterscheidet, ist die bodenverhaftete Schwerfälligkeit des deutschen Autors im Gegensatz zur schwermütigen Leichtigkeit Zypkins – ein russisches Paradox, das man, wie die russische Seele, besser nicht zu erklären versucht.

Die Dostojewskijs enden tragisch – wir wissen es. Fjodors Spielsucht ist so unheilbar wie seine Epilepsie. Sein Jähzorn ist so unkontrollierbar wie sein Neid, etwa dem erfolgreicheren Turgenjew gegenüber. Sein Judenhass ist unverzeihlichstes Manko – es ist erschütternd mutig, wie Zypkin, der in der Sowjetunion zusätzlich am Antisemitismus zu leiden hatte, sich dem Thema stellt. Dostojewskijs ständige Sehnsucht nach dem »Kristallpalast«, dem »Gipfel (…), zu dem er ständig hingestrebt hatte«, muss scheitern, und so treibt alles vom ersten Satz an mit zärtlicher Wucht auf die Zerstörung dieser Beziehung zu, dessen Schlusspunkt Dostojewskijs Tod ist. Doch da ist auch seine Liebe – die zu seiner Frau, mit der er so oft und so poetisch zu sexuellen Höhepunkten »schwimmt«, und jene zur russischen Literatur, über die das kurze Buch beiläufig einen Überblick bietet.

Tragisch ist die Gegenwart des Erzählers – vielleicht tragischer noch als diese vor Leben strotzende Vergangenheit: das literarische Leben des 19.Jahrhunderts. Der Petersburg-Besuch ist eine Dostojewskij-Pilgerreise, eine Reise aus der tristen Sowjetrealität, in denen es Bücher wie jenes, das Zypkin schreibt, nicht geben darf und in der Autoren wie Solschenizyn oder Wissenschaftler wie Sacharow, denen beiden längere Passagen gewidmet sind, ausgeswiesen oder eingesperrt werden.