Ist das Amtsende in Sicht, entwickeln Franzosen grenzenlosen Hass auf ihre Präsidenten. Charles de Gaulle verhöhnten sie als verkalkten Greis, Pompidou und Mitterrand gingen sie bis aufs Totenbett derart an die Gurgel, dass die Staatsmänner von selber das Atmen einstellten. Nur ein toter Präsident ist in Frankreich ein guter Präsident. So kann auch der 73 Jahre alte Jacques Chirac auf postume Rehabilitierung hoffen. Aber nach vierzig Dienstjahren, davon elf als Staatspräsident, durchläuft er gerade das Purgatorium der Altersabrechnungen. Unter einem halben Dutzend Chirac-Bilanzen gilt die Chronik des liberalen Le Point- Chefredakteurs Franz-Olivier Giesbert als Hinrichtung.

Unerhört, gnadenlos und vernichtend – so nennen französische Kritiker das Buch des einstigen Chirac-Intimus Giesbert, der seine mehr als zwanzig Jahre lang geführten Gesprächsnotizen penibel auswertet. Auch international erntet der Autor großes Lob, weil er den viel zitierten Niedergang seines Landes physiognomisch an Chiracs Vita festmacht. Doch alle Vorschusslorbeeren entpuppen sich als nichtig, weil das Buch kaum den Hunger nach Totalvernichtung stillt. Statt eines lodernden Scheiterhaufens schürt der Autor ein munteres Strohfeuer aus Episoden und Anekdoten, aus denen der angeblich korrupte, zynische und mordlustige Politiker als volksnaher Lebemann hervorgeht, der nur einen Charaktermangel hat: seine Prinzipienlosigkeit.

Den Grund sieht der Autor darin, dass Chirac im Herzen ein Radikalsozialist ist, der sich unter die Rechten verirrt hat und dort ein begnadeter Wahlkämpfer wurde, aber mit der errungenen Macht nie richtig umgehen konnte. Von Wirtschaft hat er keine Ahnung, die Bosse mag er nicht, am liebsten besteuert er Besserverdiener, und vor liberalen Reformen schreckt er aus Angst vor dem Volkszorn zurück. Trotz seiner nachweisbar proeuropäischen Einstellung verpasste er zuletzt die historische Chance, die Franzosen mit einer überzeugenden Kampagne für die EU-Verfassung zu gewinnen.

Die gesamte politische Klasse Frankreichs bekommt ihre Abreibung gleich mit, nur einer nicht: Nicolas Sarkozy. Denn Giesbert ist ein offener Parteigänger des starken Mannes der Rechten, von dem er sich einen Bruch mit dem therapeutischen Regierungsstil erhofft. Natürlich pflastern politische Leichen den Erfolgsweg Chiracs, aber jenseits von entsorgten Hofschranzen pflegt der Präsident einen erstaunlich fairen Umgang mit Freund und Feind. Fast ungläubig liest man gar Giesberts positive Bilanz von Chiracs achtzehn Dienstjahren als Pariser Bürgermeister, in denen sich das Stadtoberhaupt neben Völlerei und Vielfliegerei vor allem eines zuschulden kommen ließ: dass er »kein Denkmal und nichts Bleibendes« hinterließ. Zu Chiracs wenigen Verdiensten zählt der Autor, dass er den Serbien-Krieg befürwortete, den Irak-Krieg ablehnte, die Vichy-Schuld anerkannte, nie mit den Rechtsextremen paktierte und die Anerkennung außereuropäischer Kulturen erstritt.

Giesberts Hauptvorwurf kündet vielsagend von Frankreichs Zerrissenheit zwischen autoritären und radikaldemokratischen Führungsstilen: »Chirac ist das Schlußlicht, der Hirte, der der Herde folgt. Er hat beschlossen, keine Geschichte zu schreiben, sondern ihr das lieber selbst zu überlassen.« In der Tat ist Chirac so besehen eine Fehlbesetzung für die plebiszitäre Präsidialdiktatur der Fünften Republik, in der die Allmacht des Staatsoberhauptes unvermittelt auf eine verabsolutierte Volkssouveränität knallt. Freilich dürfte Chiracs Ziehsohn Dominique de Villepin der Letzte sein, der aus dem Wunsch nach historischer Größe heraus den bonapartistischen Volkstribun gibt, aber krachend scheitert. Ihn entzaubert Giesbert denn auch am gehässigsten als vulgären Machiavelli.

Was dagegen mit dem Übergangspräsidenten Chirac derzeit im Elysée-Palast verdämmert, ist eine weniger tragische denn traurige Figur: ein Mann, der das Hofzeremoniell der elitären Kabinettspolitik zugunsten einer Konsensdemokratie aufbrechen wollte, der aber mit seinem Schmusekurs an der politischen Konfrontationslogik scheiterte und sich in Stagnation flüchtete. Der Historiker Jacques Juillard fasste einmal die Grundüberzeugungen der Franzosen in vier Parolen zusammen: »Nieder mit der Außenwelt! Nieder mit der Abschaffung des Status quo! Nieder mit allem, was oben ist! Nieder mit der Regierung, es lebe der Staat!« Angesichts dieser Kardinallaster könnte aus Chirac postum doch noch ein Tugendheld werden, der einfach zu früh kapituliert hat.
Michael Mönninger