Das Äußere täuscht über seinen zähen Kampfgeist hinweg. Der neue Geschäftsführer von Ratiopharm ist zierlich, fast schmächtig von Statur. Doch Philipp Merckle hat einen starken Willen. Wo der strebsame Nachwuchsunternehmer einmal Position bezieht, da will er die Umwelt prägen, auch sein Personal. »Führen hat für mich eine spirituelle Dimension«, sagt Merckle. Er möchte »das Unternehmen voranbringen und ein Umfeld schaffen, in dem die Seele aufblicken kann«. Was bewegt... Philipp Merckle? BILD

Nicht nur dieser Wunsch lässt seine christliche Einstellung durchschimmern, wenngleich er sich sichtlich bemüht, den Eindruck zu vermeiden, er sei ein Eiferer. Philipp Merckle ist Urenkel von Adolf Merckle senior, der 1881 mit Pharmagroßhandel den Grundstein für das Familienimperium legte. Sein Erbe und seine Verantwortung als Chef des Unternehmens sieht er als »ein Geschenk oder sogar eine Gabe von Gott«. Die will er wie ein Heiligtum hüten. Einfach Kasse machen und sich auszahlen lassen, das wird deutlich, verbietet ihm sein Glaube. »Ich habe nicht das Geld geerbt, sondern die Verantwortung fürs Ganze«, sagt er. Der schwäbisch streng erzogene Merckle-Filius ist damit auf besondere Weise das Kind seiner Eltern, was bedeutet, dass er unternehmerischen Ehrgeiz und Glaube vereint: Vater Adolf Merckle junior hatte aus der ererbten kleinen Arzneifabrik ein Imperium mit Beteiligungen in vielen Branchen geschmiedet, Mutter Ruth ist tiefgläubig und bezahlt sogar eine hauptamtliche Pastorin für die Mitarbeiter.

Wie sehr ihn das Spitzenamt in der elterlichen Firma fordern würde, das konnte Philipp Merckle vorher kaum ahnen. Als erst 39 Jahre alter Nachfolger eines familienfremden Managers und seines älteren Bruders Ludwig bekam er schwere Prüfungen aufgehalst, deren Tragweite bis heute nicht absehbar sind. Denn ausgerechnet seit seinem Amtsantritt im Herbst 2005 wird das über Jahre stabile Unternehmen von Schwierigkeiten und Krisen beherrscht.

Der Arzneimittelbereich ist das historische Herzstück des breit gefächerten Merckle-Reichs, das inzwischen vom Fahrzeugbauer Kässbohrer bis hin zu HeidelbergCement reicht. Bereits Anfang 2005 trennte sich die Milliardärsfamilie allerdings vom Geschäft mit der Originalmedizin und damit vom eigenen Ursprung, auch wenn das den Merckles schwer fiel. Stattdessen richteten sie die Zukunft auf die imitierten Medikamente aus; bereits vor rund 30 Jahren hatte Philipps Vater die Generika-Firma Ratiopharm gegründet, die Kopien der Originalprodukte billiger unters Volk bringt. Doch während des Paradigmenwechsels vom Original ganz hin zur Imitation zogen 2005 dunkle Wolken über dem Geschäft auf. Der Gründerboom war vorbei, Fusionen und Pleiten nahmen zu. Die Folge ist ein gnadenloser Verdrängungskampf mit immer neuen Preissenkungen. Merckle prophezeit: »Der Markt unserer Produkte droht beliebig zu werden.«

Unsaubere Methoden im Vertrieb erschwerten Merckles Start

Über Jahre waren die Machtverhältnisse bei den Generika konstant geblieben. Die deutschen Top Drei, Ratiopharm vorn, verfolgt von Hexal und Stada, verteidigten gut die Hälfte des hiesigen Geschäfts. Doch dann stürmte der Schweizer Pharmariese Novartis an Ratiopharm vorbei an die Spitze. Die Eidgenossen übernahmen die bayerische Familienfirma Hexal samt deren US-Tochter und sind nun nicht nur in Deutschland, sondern auf der ganzen Welt Marktführer. Philipp Merckle ist also mit der Tatsache konfrontiert, dass sein schwäbischer Blockbuster-Betrieb in wenigen Monaten hinter Novartis/Hexal und sogar noch hinter Teva (Israel) weltweit auf Platz vier verdrängt wurde, knapp hinter der Watson-Gruppe (USA). Und das Fressen der Großen heizt die Konzentration erst richtig an.

Weit härter als durch den wachsenden Wettbewerb wurde der öffentlichkeitsscheue Jungunternehmer allerdings von einem unappetitlichen Skandal um den Vertrieb von Ratiopharm getroffen. Das seit Herbst 2005 regelmäßig wiederkehrende Mediengewitter bewirkt für sein ganzes Haus einen »nachhaltigen Rufschaden« (Merckle). Ratiopharm hatte Ärzte und Apotheker systematisch und mit Mengenrabatten geködert. Das war zwar weitgehend rechtens, aber eben eine unsaubere Methode und mit den moralischen Werten von Philipp Merckle schon gar nicht vereinbar. Letztlich sieht der Firmenchef sein Unternehmen zwar weit weniger in der Schuld als die medialen Ankläger, aber irgendwie sitzt er nun zwischen allen Stühlen. Ihn packt das Bedürfnis, reinen Tisch zu machen. Typisch für den humanistisch gebildeten Mann: Das Problem einfach durch neue Manager an der Spitze wegzudrücken, nach dem Motto »Schwamm drüber und weiter so«, das genügt ihm nicht.