Der parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion Norbert Röttgen ist zurück in der Politik. Das hätte er einfacher haben können. Am besten wäre es gewesen, der 41-Jährige wäre gleich dageblieben und hätte seinen politischen Freunden, sich selbst und dem Bundesverband der Deutschen Industrie den am Ende recht spektakulär gescheiterten Fluchtversuch erspart.

Nun also ist erst einmal alles wieder, wie es vor Röttgens Osterurlaub gewesen ist, als er sich in den Bergen und mit gehörigem Abstand zum Berliner Betrieb für den Wechsel zum BdI entschieden hatte. Spätestens als sein politisches Alter Ego, Peter Altmaier, vor einigen Monaten seine Glückwünsche für Röttgens neue Perspektiven mit der Ansicht garnierte, für ihn bleibe der Freund doch eher »ein Mann der Res publica«, hätte er eigentlich umdrehen können.

Aber es war ihm ernst mit seiner Entscheidung, nicht nur wegen des Neuen, das er sich erhoffte, sondern auch wegen der Distanz zum politischen Betrieb, die es versprach. Natürlich steckte darin ein Verdikt. Schon nach seiner ersten Bonner Legislaturperiode wollte er zusammen mit Altmeier am liebsten eine »Staatsreform« anzetteln. Darunter war im Grunde kaum etwas zu wollen. Mussten nicht erst einmal durch eine grundlegende Operation die Bedingungen für die Möglichkeit künftiger Reformen hergestellt werden? In seinen fein ziselierten Rechtfertigungen der Föderalismusreform war dieser Ton manchmal noch schwach durchzuhören. Das Reformmonster, an dem er über Jahre intensiv mitgearbeitet hat, dürfte ihm am Ende dann aber doch nicht so recht gefallen haben.

Aber kaum einem Akteur auf der Berliner Bühne gelingt es, auch miese Kompromisspolitik so klug und anregend zu präsentieren und zu legitimieren wie ihm. Auf Dauer jedoch geht Röttgen sich selbst damit nicht auf den Leim. Zu wenig Mut, zu wenig echte Politik, zu viel, was aus sachfremden Gründen hereinragt, frustriert ihn. Er ist zu eitel, um das auf Dauer als politische Betriebskosten verbuchen zu wollen. Wenn die Politik ihn längere Zeit enttäuscht und er selbst trotz des hohen Einsatzes nicht sieht, wie er das ändern kann, schleicht sich bei Röttgen ein zynischer Tonfall ein, den er dann auch selbst mit rheinischer Jovialität nicht mehr kaschieren kann.

Zwei Legislaturperioden lang war Norbert Röttgen unterfordert. Seit er das Amt des parlamentarischen Geschäftsführers innehat und in Angela Merkels Nähe rückte, wurde das anders. Seither stand er unter permanentem Anforderungsdruck. Er schrieb am Wahlprogrammm und am Koalitionsvertrag. Und er verhandelte Kompromisse. Ein Weile lang fühlte er sich wohl dabei, aber es dauerte nicht allzu lange, bis die Große Koalition, die er mit zu managen hat, ihn ein bisschen anzuöden begann. In so einem Moment muss ihn das Angebot von BdI-Präsident Thumann erreicht haben.

Jedem, der es hören wollte, hat Röttgen in den vergangenen Monaten erklärt, sein Direktmandat als Wahlkreisabgeordneter sei »unvertretbar«, und deshalb werde er es bis zum Ende der Legislaturperiode erfüllen. Das klang ein wenig wie das Kleingedruckte in einem Vertragstext. Man muss es nicht lesen, in den meisten Fällen ist es nicht wirklich wichtig, aber unter Umständen ist es eben doch das Entscheidende.

So wie Röttgen die öffentliche Empörung unterschätzt hat, die sein Wechsel ins Lager der Interessenvertreter unter Beibehaltung seiner Abgeordnetenrolle auslöste, verkalkulierten sich auch die anderen Beteiligten: vorweg die Herren des BdI, weil sie unter dem wachsenden öffentlichen und internen Druck begannen, die Vereinbarung mit Röttgen neu zu interpretieren. Aber der hatte das schon ernst gemeint mit seinem Direktmandat. Ihn zum Verzicht zwingen zu wollen musste letztlich schief gehen. Ein Wechsel unter diktierten Bedingungen hätte ihm keine Freude gemacht. So überraschte er vor allem diejenigen, die im festen Glauben an die niederen Motive der Politiker wie selbstverständlich damit gerechnet hatten, dass Norbert Röttgen sich am Ende für den lukrativen Wirtschaftsposten entscheiden würde.