Die philosophische Theorie hat das Erkennen rastlos interpretiert. Dem Anerkennen aber hat sie wenig Beachtung geschenkt. Angesichts dieses erstaunlichen Befunds versucht das faszinierende Spätwerk des französischen Philosophen Paul Ricœur, Wege der Anerkennun g, der Untertheoretisierung der Anerkennung abzuhelfen. Sein Ansatz ist eigentümlich, verwandt der einmal in England gepflegten philosophischen Analyse der alltäglichen Sprache: Aus einer peniblen Lektüre von mehr als zwanzig Lesarten, mit denen zwei der besten französischen Wörterbücher den Sinn von reconnaissance erklären, entwickelt Paul Ricœur ein philosophisches Nachdenken über die Zusammengehörigkeit von drei Kernbedeutungen. Anerkennen heißt etwas oder jemanden identifizieren; heißt annehmen, für wahr (für etwas) halten; heißt – und dies wird für Ricœur zum wichtigsten Fingerzeig der Sprache – durch Dankbarkeit bezeugen, dass man jemandem für eine Sache oder eine Handlung verpflichtet ist.

Während der Lexikograf klare und distinkte Wortbedeutungen der Vokabel einer natürlichen Sprache aufreiht, konstruiert der ihnen nachdenkende analytische Philosoph die unausgesprochenen Übergänge in dieser geregelten Mehrdeutigkeit. Ricœurs Wege der Anerkennung gelangen von der reconnaissance als unterscheidendem Identifizieren, das durch einen Willen des Subjekts zur Beherrschung des Sinns geprägt ist, über die reconnaissance de soi, ein Sich-Erkennen in den mannigfaltigen Fähigkeiten, in denen die Handlungsfähigkeit eines für sein eigenes Tun verantwortlichen Subjekts sich bezeugt, hin zur reconnaissance mutuelle, der wechselseitigen Anerkennung, in der das Subjekt sich unter die Schirmherrschaft von Gegenseitigkeitsbeziehungen stellt.

Die Übergänge zwischen den verschiedenen Sinnwelten der Anerkennung orchestriert Ricœur in drei Registern, dem der Identität, dem der Andersheit (Alterität) und dem einer Dialektik von Erkennen/Verkennen (reconnaissance/méconnaissance), die sich im Fortgang seiner Untersuchung über die Anerkennung überlagern.

Schon im elementarsten Erkennen von etwas wird dessen Einzigartigkeit anerkannt: dass es anders als alles andere ist. Reicher wird die Anerkennung von Identität, wo sich von derjenigen der Gegenstände diejenige der Personen abhebt. Der wesentliche Unterschied von »etwas« und »jemand«, dem zuletzt Robert Spaemann eine sehr lesenswerte Studie gewidmet hat, führt vom Erkennen gattungs- und artspezifischer Merkmale hin zu einem Wiedererkennen von individuellen Zügen, an denen Personen einander vor allem erkennen. In seine Reflexionen über das Unkenntlichwerden von Persönlichkeitszügen, subjektiv im Vergessen und objektiv durch die Entstellungen des Alterns, bringt Ricœur subtil die Stimmen von Edmund Husserl, Emmanuel Lévinas und Marcel Proust ein.

Anerkennung führt zur Gewissheit der Identität

Wer jemand ist, bezeugt sich für die Person selbst stets auch durch das, wozu sie fähig ist: Der Stoff, aus dem sie ihre narrative Identität wirkt, ist, was sie tun kann und konnte. Fähigkeiten werden nicht konstatiert, sondern vor Personen bezeugt. Mit der Idee des Bezeugens von Handlungsfähigkeit bleiben, im Denken der Antike nicht anders als im neuzeitlichen, die Ideen von Würdigung und Wertung verbunden. In diesem Zusammenhang analysiert Ricœur – mit Kant und Hans Jonas – die Zuschreibung und Zurechenbarkeit von Handlungen und – mit Augustinus, John Locke, Henri Bergson und Hannah Arendt – das Phänomenpaar Gedächtnis und Versprechen, das die Zeitlichkeit des Selbst in die Richtungen Vergangenheit und Zukunft entfaltet. Amartya Sens und Martha Nussbaums einflussreiche Begriffsschöpfung von Rechten auf Befähigungen, der capability approach, erlaubt Ricœur die Ausweitung seiner Betrachtungen auf intersubjektive Fähigkeiten, wie nur Mitglieder normativer Gemeinschaften sie haben, zum Beispiel Recht zu setzen und zu sprechen.

Im Hauptteil seines Buchs führen alle – bisweilen dickichthaften – Pfade von Paul Ricœurs phänomenologischer Forschung auf die Lichtung der wechselseitigen Anerkennung. »Anerkannt werden, wenn es denn jemals geschieht, hieße für jeden, dank der Anerkennung seines Reichs von Fähigkeiten durch andere die vollständige Gewissheit seiner Identität zu erlangen.«