Von der Empore des ehemaligen Mevlevi-Klosters erklingen Flöten, Geigen, Trommeln, Chorgesang. Neun junge Männer betreten den Saal. Sie sind in schwarze Umhänge gehüllt, tragen hohe Filzhüte und halten schneeweiße Schaffelle über dem Arm. Würdevoll schreiten die Derwische über die Tanzfläche. Sie küssen die flauschigen Felle, knien darauf nieder und legen ihre Mäntel ab. Für einen Augenblick wird es totenstill. Als die Musik wieder einsetzt, beginnen die Derwische, sich langsam um die eigene Achse zu drehen. Ihre weißen Kostüme leuchten im Scheinwerferlicht. Sie breiten die Arme aus, wenden die rechte Handfläche zum Himmel, die linke zur Erde. Es ist, als würden sich die Sufis für immer so weiterdrehen, selbst wenn die Welt unterginge.

Früher musste man ins zentralanatolische Konya reisen, um Derwische tanzen zu sehen. Dort liegt Mevlana Rumi begraben, der islamische Mystiker aus dem 13. Jahrhundert und Gründer des Mevlevi-Ordens. Mittlerweile jedoch sind die Rituale der Sufis als folkloristische Darbietungen auch hier in Istanbul angekommen. Touristen begeistern sich für die geheimnisvolle Variante des Islams und tragen zu ihrem Überleben bei. Und die Derwische werden geduldet, obwohl sie offiziell verboten sind. Als Keimzelle für Verschwörung und Revolte galt der Orden. Kemal Atatürk, der Vater des modernen türkischen Staates, ließ Klöster und Tekkes (Versammlungsorte) 1928 schließen.

»Das Gewicht nach vorn verlagern, sonst fällst du auf den Rücken!«

Das Mevlevi-Kloster wurde 1491 als erstes Sufi-Kloster von Istanbul gegründet. Es steht an einer Ecke der Flaniermeile Istiklal Caddesi und ist heute ein Sufi-Museum. Regelmäßig finden hier Aufführungen der tanzenden Derwische statt. Doch kann man den tieferen Sinn ihrer Rituale als Nichtmuslim eigentlich verstehen lernen? Die Bücher im Museumsshop behaupten, der Drehtanz, das so genannte Sema, sei einzig und allein Männersache. In der Wirklichkeit sieht das manchmal etwas anders aus.

»Whirling Dervishes – men and women together« steht auf einem Plakat unweit der Hagia Sophia im alten Sirkeci-Bahnhof am Goldenen Horn. Bis vor 30 Jahren lief in diesen Prachtbau aus dem 19. Jahrhundert der Orientexpress ein, heute halten hier Vorortbahnen. Es ist vier Uhr nachmittags. Ein Mann in blauroter Uniform grüßt mit »Good morning« und fragt geschäftig: »Dervish?« Wir nicken. »Six p. m., every day«, sagt der Beamte. Er deutet auf eine große Tür an Bahnsteig eins. Daran hängt ein Zettel: »Dervishes: every tuesday and saturday«. Schade, dass heute Sonntag ist.

»Sie interessieren sich für Sufismus?«, will ein freundlicher Mann mit Bäuchlein, Schnurrbart und Glatze wissen. Rifat war in den achtziger Jahren Gaststudent an der Universität Hamburg und spricht fließend Deutsch. Er weiß, dass heute im Szeneviertel Beyoglu Flohmarkt ist: »Es gibt dort auch Derwisch-Sachen zu kaufen.« Rifat nimmt uns mit. An einem Stand entdecken wir hohe Filzhüte aus Kamelhaar, wie sie neulich die Sufis bei ihrer Aufführung im Museum trugen. Mit den schwarzen Holzgefäßen an einer silbernen Kette haben Derwische früher Almosen erbettelt. Eine Händlerin verkauft Sufi-Mobiles: Wenn man eine brennende Kerze darunter stellt, beginnen sich die Derwische aus dünnem Metall zu drehen.

Am nächsten Nachmittag setzen wir mit der Fähre zum asiatischen Bosporusufer über. Rifat hat uns ein Treffen mit der Amerikanerin Carole vermittelt, die seit 18 Jahren dem Mevlevi-Orden angehört. Drüben in Üsküdar, im Getümmel von fliegenden Händlern, wartet sie auf uns – mit einem Rosenstrauß als Erkennungszeichen. »Klar nehme ich euch mit in unsere Tekke«, sagt die Frau mit den Rosen. Zielstrebig führt sie uns durch das Straßenlabyrinth. Vor rund 20 Jahren kam sie nach Istanbul. Inzwischen ist sie Mitte 60 und arbeitet als Englischlehrerin. Im Mevlevi-Orden sucht Carole das unmittelbare Erleben Gottes: »Der Koran ist mehr als ein Regelwerk.«