Eine Umarmung. Und Küsse. Auf beide Wangen. Selten hat eine traditionelle Höflichkeitsgeste so viel Erleichterung ausgelöst wie der Willkommensgruß, den Libanons Premierminister Fuad Siniora US-Außenministerin Condoleezza Rice am Montag in Beirut auf die Backe drückte. Nun reden sie wenigstens. Amerika greift ein. Wendet sich dem Libanon zu, dem doppelten Opfer, das erst Geisel einer Terrortruppe namens Hisbollah wurde, nur um als Nächstes von seinem Geiselnehmer unter einen israelischen Bombenteppich gezwungen zu werden. Auf dem Weg zu Freunden: US-Außenministerin Condoleezza Rice BILD

Normalerweise wäre eine amerikanische Mission im Nahen Osten keine Besonderheit. Eher Weltmacht-Routine unter Einsatz vertrauter Mittel: Shuttle-Diplomatie, ein bisschen Zuckerbrot, ein bisschen Peitsche, am Ende Waffenstillstand. So geschehen zuletzt 1996. Zehn Tage lang Dreiecksflüge zwischen Damaskus, Beirut und Jerusalem.

Für Condoleezza Rice gibt es nichts zu shutteln. Unter den sechs Beteiligten des Konflikts – Hisbollah, Hamas, Syrien, Iran, Libanon und Israel – hat Amerika nur zwei Gesprächspartner. Und zwar allein jene, denen es am nächsten steht. Mit den anderen vier reden die Vereinigten Staaten nicht mehr. So landet Rice im Zentrum des Konflikts nur, solange dort Freunde wohnen. Ansonsten umkreist sie den Krieg und sucht an der Peripherie Unterstützung. Sie will Druck maximieren. Sie verhandelt, aber sie vermittelt nicht. Was Zbigniew Brzezinski, einen der Altmeister unter den Großstrategen, zu der bösen Bemerkung verleitet: »Die Außenministerin sitzt vor dem Spiegel und spricht mit sich selbst.«

Eine Supermacht verhandelt nicht mit Diktatoren, so lautet das Prinzip

Das alles sind, zumindest teilweise, Folgelasten einer Außenpolitik, die sich in Washington schon seit längerem in Abwicklung befindet und als Neokonservatismus bekannt wurde. Danach verhandelt die Supermacht möglichst nicht mit Diktatoren und Mentoren des Terrorismus, sondern isoliert sie und fördert den Machtwechsel zur Demokratie. Sich mit Schergen der Diktatur zu treffen käme deren Aufwertung gleich und wäre ein Zeichen amerikanischer Schwäche.

Die Realität sieht freilich anders aus: Zeichen amerikanischer Schwäche ist inzwischen die Gesprächsunfähigkeit. Im Kriegsfall braucht der traditionelle Vermittler nun selbst Vermittler. Ein Supermachtdiktat gibt es nicht mehr. Diesen Zustand kann man so vorsichtig beschreiben wie Richard Haass, der als Chef des Planungsstabes Rice’ Vorgänger Colin Powell zuarbeitete: »Der Nahe Osten tritt in ein neues Zeitalter ein, in dem fremde Mächte weniger zählen und lokale Akteure umso mehr.« Oder man kann, mit Timothy Garton Ash, die Fanfare des Intellektuellen blasen: »Willkommen in der neuen multipolaren Unordnung, adieu dem unipolaren Moment der scheinbar unanfechtbaren Vorherrschaft Amerikas.« Wer erinnert sich noch an all die pompösen Vokabeln? Hypermacht! Imperium! Mega-Rom! Und heute? Amerika setzt wieder auf sein Militär, allerdings nur, um seine Staatsbürger aus Beirut herauszuholen. Es schickt seine Außenministerin auf eine Mission, bestehend aus komplexer multilateraler Diplomatie und ohne Aussicht auf unmittelbaren Erfolg. Es sieht sich mit einem Krieg konfrontiert, den es nicht wollte. Einem Krieg, der die eigenen Kriege komplizierter macht: jenen, den es im Irak zu beenden, und jenen, den es im Iran zu vermeiden sucht.

Auffälligstes Zeichen des amerikanischen Verlustes an Einfluss ist der Kriegsausbruch selbst. Wie sonst wäre die Chuzpe der Iraner zu erklären, Hisbollah von der Leine zu lassen? Wie sonst die Chuzpe der Israelis, als Antwort ein massives Bombardement zu starten – ohne Wissen der Amerikaner? Schlag und Gegenschlag unterminieren in unbeabsichtigter Konkordanz das wichtigste strategische Projekt der Vereinigten Staaten: den Versuch, Iran von der Atombombe abzubringen.