Im August 1997 sprengt die Oder das Korsett ihrer Deiche, eine Jahrhundertflut. Zu Pfingsten 1999 geben nach sturzbachähnlichen Regenfällen durchweichte Flutwälle an der Donau und im Alpenvorland nach. Im August 2002 schwellen die Elbe und ihre Nebenflüsse zu zerstörerischen Strömen an. Reihenweise brechen unterdimensionierte Deiche, allein die sonst so harmlose Mulde überspült sie an mehr als hundert Stellen. Semperoper und Zwinger, ganze Städte und Dörfer ragen wie Inseln aus brauner Brühe. Osterdeich an der Weser in Bremen BILD

Ende August 2005 verursacht wieder ein »Starkregenband« schwere Überschwemmungen in der Schweiz, in Österreich und Bayern. Im April 2006 schwappt die Elbe schon wieder durch Bad Schandau, Pirna und Meißen: Neue Sandsackschlachten, im niedersächsischen Hitzacker wird der Wasserstand von 2002 übertroffen, der Stadtkern steht tagelang unter Wasser.

Erst die Reihe katastrophaler Überschwemmungen hat Flussanwohner und Politiker aufgeschreckt. 7500 Kilometer Deiche sollen das deutsche Binnenland trocken halten. Doch jahrzehntelang ging das Interesse an ihrem Zustand gegen null, die Flutwälle bröckelten still vor sich hin. Nun sind Millioneninvestitionen fällig, um den Hochwasserschutz auf ein einigermaßen beruhigendes Niveau zu heben.

Beispiel Sachsen, wo die Hochwasser der vergangenen Jahre vielen Dämmen arg zugesetzt haben. Nur etwa ein Drittel der 650 Deichkilometer gilt als standsicher. Womit allerdings nicht gesagt ist, ob die Deiche hoch genug sind. Bei einem weiteren Drittel, erklärt Ulrich Kraus, Geschäftsführer der Landestalsperrenverwaltung, sind »intensive Sicherungsmaßnahmen« notwendig. Einige Deiche sind in so desolatem Zustand, dass man sie grunderneuern muss.

Ähnlich das Bild in Bayern. Gut 2400 Kilometer Deich säumen die größeren Flüsse des wasserreichsten Bundeslands. Doch allzu oft handelt es sich noch um schlichte Kieswälle, die im Lauf der Zeit gelegentlich erhöht wurden. Ihr genauer Aufbau ist nicht mehr nachzuvollziehen, niemand kann ihre Stabilität vorhersagen.

Für etwa die Hälfte der Deiche ist der Freistaat zuständig, für die andere Hälfte der Bund, Kraftwerksbetreiber oder Kommunen. Einheitliche Erhebungen über ihren Zustand existieren nicht. Doch für die »Staatsdeiche« lässt sich sagen: 57 Prozent entsprechen nicht dem anerkannten Stand der Technik, hat Ronald Haselsteiner von der TU München festgestellt. Die Arbeiten zur Modernisierung des Hochwasserschutzes haben bereits begonnen. Seit 1999 wurden immerhin 220 Kilometer Deich saniert, 120 Kilometer sollen in den nächsten beiden Jahren folgen.

Was da an Maßnahmen nötig ist, lässt sich in der DIN-Norm 19712 nachlesen. Zum Wasser wie zum Land hin soll die Neigung der Böschung höchstens 33 Prozent betragen. Die Dammkrone hat drei Meter breit zu sein. Und auf die Landseite, ungefähr bei einem Drittel der Deichhöhe, gehört ein Verteidigungsweg. Nur so kann man bei Hochwasser gefährdete Stellen entdecken und nötigenfalls sichern. Eine Schicht aus wasserundurchlässigem, ton- oder lehmhaltigem Material unter der Flussböschung soll ein rasches Aufweichen des DIN-Deiches verhindern. Gebüsch oder Bäume haben nichts auf dem Damm zu suchen. BILD Klicken Sie auf das Bild, um dis ganze Grafik zu sehen