Die Sonne brennt, die Ramme wummert, der Boden zittert. Alle paar Sekunden: Rums! Ein gewaltiger Schlag, ein trockener Ton. Dann ein Zischen. Druckluft entweicht. Ein riesiger Stahlträger, einer von Hunderten, wird in einen Erdwall getrieben. Erde, Stahl und Beton sollen Wind und Wasser künftig standhalten. Der nächste Hurrikan kommt bestimmt. Er wird nicht Katrina heißen, aber auch der nächste Sturmname dürfte sich ins kollektive Gedächtnis der Bewohner von New Orleans einschreiben. BILD

Auf der Deichkrone steht ein Wald aus Kränen, wie zum Wettlauf gegen die Zeit angetreten. Es ist die größte Herausforderung für die amerikanische Ingenieurkunst, seit Franklin D. Roosevelt die Staudämme des Westens bauen ließ: Das zerstörte Deichsystem von New Orleans muss binnen weniger Monate geflickt werden.

Wird die Stadt dieses Jahr geschützt sein? Es ist ein atemloses Finale. In drei Schichten wird gearbeitet, rund um die Uhr. Das Wummern nimmt kein Ende. Die Hurrikansaison hat zwar schon begonnen, aber die schlimmsten Stürme werden erst im August erwartet. Anfang Juni meldeten die Behörden, die Stadt sei jetzt wieder so gut geschützt wie vor Katrina – eine sensationelle Energieleistung angesichts der gewaltigen Deichschäden. In wenigen Wochen soll New Orleans schon besser vorbereitet sein als vor einem Jahr: stärkere Hochwasserwälle, neue Fluttore, 150 Meilen neuer oder reparierter Dämme. 800 Millionen Dollar sind verbaut, weitere zweieinhalb Milliarden bewilligt. »Besser geschützt« klingt ziemlich gut. Aber in den Bauarbeiterkneipen lautet die flapsige Standardfrage: »Besser genug?«

Die Badewanne namens New Orleans wird wieder volllaufen, falls hier am 17. Street Canal der Deich nochmals versagt. Warum, lässt sich von der Deichkrone aus erkennen: Im Norden, nur ein paar hundert Meter entfernt, liegt das Binnenmeer Lake Pontchartrain. Der 17. Street Canal führt vom See bis tief in die Stadt. Und das Straßenniveau liegt deutlich unter dem Wasserspiegel. Wenn ein Sturm das Seewasser in den Kanal peitscht, stehen die Dämme und Flutwände an beiden Ufern unter Druck.

Am Horizont sind die Bürotürme der City zu sehen. Dass der Dammbruch noch die ferne Innenstadt fluten ließ, ist sogar in der Rückschau schwer begreiflich. »Ich bin jetzt 28 Jahre hier«, sagt Roger Colletti, Betriebsmanager bei den Technikern des US Army Corps of Engineers. »Dass die Deiche versagen, hatte ich mir nie vorstellen können.« Nun muss er helfen, die Stadt gegen die nächste Unvorstellbarkeit zu wappnen. Freizeit kennt er seit Katrina nicht mehr.

Wo der Kanal in den See mündet, stehen inzwischen neue Fluttore. Bei Sturm lassen sie sich bis zum Boden des Kanals absenken. Dann kann der Wind nicht mehr Wasser wie durch einen Trichter in die Kanalmündung schieben, und die Deiche müssen weniger Druck abfangen. »Damit haben wir den Ausgangspunkt der Diskussion hinter uns gelassen«, sagt Roger Colletti. Schon 1965, als Hurrikan Betsy die Stadt überflutete und die Eindeichung von New Orleans beschlossen wurde, wollten die Armeeingenieure solche Flutwälle bauen. Doch damals protestierten Umweltschützer. Sie fürchteten um Feuchtgebiete und sorgten sich um den Artenschutz. Acht Jahre lang dauerte der Streit. Am Ende lenkten die Ingenieure ein, schon um nicht noch mehr Zeit zu verlieren. Heute kennen sie den Preis des Kompromisses. Nach Katrina leistet plötzlich niemand mehr Widerstand gegen die Fluttore. Nach einem halben Jahr Bauzeit sind sie fertig. Rekordzeit. »Die Tore schaffen Vertrauen«, sagt Colletti. »Wer Vertrauen hat, kommt zurück.«

Ein paar Hundert Meter entfernt erfolgt die zweite Blitzreparatur. Hier drehen sich keine Kräne, hier wummert keine Dampframme. Es herrscht Ruhe. Die neue Spundwand ist schon eingerüttelt. Auf 200 Meter Länge hatte das Wasser den Deich zur Seite gedrückt und das Viertel Lakeview geflutet. In der Not warfen Hubschrauber Tausende weißer Plastiksäcke voller Erde ab, um die Wunde zu schließen. Noch liegen einige der Plastikhäute, zu einem Haufen zusammengeschoben, auf der Baustelle herum. ...und der 17.Street Canal am 17.Mai 2006 BILD