Das Weserstadion, das silbrig futuristische Science Center: Für die Einwohner Bremens sind das Wahrzeichen. Wer vor Wochen durch die Hansestadt fuhr, sah beide Gebäude halb ertrunken im Wasser stehen, von Schaumkronen umtost. Eine düstere Zukunftsvision, am Straßenrand plakatiert vom örtlichen Deichverband. Science oder Fiction? Michael Schirmer ist Deichhauptmann in Bremen BILD

Vor wenigen Jahren wäre allein die Frage als haltlos verworfen worden. Doch Hurrikane, Dürren und Überflutungen, sagen viele Klimaexperten, kündigten nun die Folgen der globalen Erwärmung an. Wissenschaftler und Politiker fordern eine radikale Minderung der CO 2 -Emissionen – aber auch schon Anpassung: an jene Effekte der Treibhausgase in der Atmosphäre, die, weil sie verzögert eintreten, nicht mehr aufzuhalten sind.

So mahnte jüngst der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) in einem Gutachten über Die Zukunft der Meere, die Bewohner niedrig liegender Küsten von Portugal über Bangladesch bis China müssten sich gegen die Folgen eines ansteigenden Meeresspiegels und gegen häufigere und wildere Sturmfluten rechtzeitig wappnen. Auch rund um die Nordsee – in Großbritannien, Belgien oder den Niederlanden – sei die Gefährdung »besonders bedrohlich«.

Und in Norddeutschland schlagen Fachleute Alarm: von der nur durch den Schutz aufgeschütteter Dünen überlebenden Insel Sylt bis hinter das endlose grüne Deichband in Dithmarschen; von der einsamen Leybucht in Friesland bis zum 600.000-Einwohner-Stadtstaat Bremen, einem hot spot der Überschwemmungsgefahr. »Ein bisher abstraktes Thema«, sagt dort der Hochschullehrer für aquatische Ökologie, Michael Schirmer, »wird nun im Alltag praktisch relevant.«

Doch wie bereitet man sich vor auf das Unumkehrbare, aber in seinen konkreten Ausmaßen noch immer Ungewisse? Wie eilig ist die Vorsorge, wie teuer, wer entscheidet, welche Risiken tragbar sind? Ja, ist die norddeutsche Küstenlinie langfristig überhaupt zu »verteidigen«, wie Deichvögte, Bauern und Beamte formulieren?

Michael Schirmer arbeitet nicht nur an der Universität, er ist zugleich Deichhauptmann in Bremen. Durch die blühenden Sträucher seines Gartens im dörflichen Stadtteil Borgfeld blickt der Professor mit Seebärenruhe über die tief liegende Marschlandschaft der Wümmeniederung. Auch er ist ein Mahner geworden, seit er an einer Studie über Klimafolgen für die Unterweserregion mitwirkte, im Rahmen des Forschungsprojektes Klimawandel und Küste.

85 Prozent der Fläche Bremens sind durch Überschwemmungen gefährdet