Gewerkschaften fordern hitzefrei, Umweltschützer Fahrverbote. Bauern, Binnenschiffer und Stromerzeuger klagen über Wassermangel. Ärzte warnen vor allem alte Menschen vor der Hitze. Der Supersommer echauffiert nicht nur die Deutschen, sondern auch Franzosen, Briten und Amerikaner. Schon das vergangene Jahr war, global gesehen, das wärmste seit Beginn der Temperaturmessungen. Die Hitzesommer häufen sich, die sechs heißesten wurden in den vergangenen neun Jahren gemessen. Spitze war der Jahrhundertsommer 2003. Und es sieht nach weiteren Rekorden aus. Ist das die globale Erderwärmung? BILD Nordseedeich westlich von Emden

Auf diese Frage antworten Klimatologen traditionell und deutlich: Jein. Ein ungewöhnlich heißer Sommer könne zwar ein weiteres Indiz sein, aber kein Beweis, schrieb Stefan Rahmstorff vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung nach dem Hitzerekord 2003. So wenig wie sechs Schwalben einen Sommer machen, bestätigt ein halbes Dutzend Hitzephasen den Klimawandel. So war der Sommer 1540 noch deutlich länger und heißer als der von 2003. Die Sommerhitze trat, das ist überliefert durch alte Chroniken, in der Vergangenheit schon öfter in Serie auf – zwischen 1534 und 1540, noch extremer zwischen 987 und 1007. Damals verfeuerte niemand Kohle, Öl und Gas, alle heizten mit Holz, klimaneutral. Dennoch: Lassen Hitzewellen, Hurrikanserien und Gletscherschwund die Klimaforscher unbeeindruckt?

Im Frühjahr 2007 liefern Tausende Forscher den neuen Weltklimareport

Keineswegs. Derzeit tragen Tausende Natur- und Sozialwissenschaftler, Ökologen und Ökonomen das neueste Wissen zum Klimawandel zusammen, prüfen Ursachen und Auswirkungen und die besten Bekämpfungsstrategien. Das Mammutprojekt erfordert langes Sammeln und Bewerten teils widersprüchlicher Daten und Abstimmungen unter Streithähnen. Das Ergebnis soll als Report in drei Teilen im Februar, April und Mai 2007 erscheinen, herausgegeben vom Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). Dieser Ausschuss zweier UN-Organisationen bildet quasi die Konferenz der Klimabischöfe, der IPCC-Report gilt als Bibel des Klimawandels – bis Jahre später die nächste, verbesserte Auflage erscheint. Derzeit verursacht Report Nummer vier Geburtswehen. Da ist es kein Wunder, dass Informationen nach draußen sickern. Der IPCC dementiert die bisherigen »Medien-Befunde«, es könne sich noch viel ändern.

Wer die Szene beobachtet, kann jedoch bereits absehen: Die Eckdaten werden sich gegenüber dem vorherigen Bericht wenig ändern. Fast zwei Dutzend Klimarechenmodelle gibt es, aus ihren bekannten Ergebnissen wird nun ein Extrakt destilliert. Die mittlere globale Erwärmung bis zum Jahr 2100 dürfte bei vier Grad liegen, der Anstieg des Meeresspiegels bei knapp einem halben Meter. Dem widerspricht auch Guy Brasseur nicht. Der Atmosphärenforscher gehört zu den handverlesenen Koordinatoren des IPCC. Der Belgier war Direktor am Hamburger Max-Planck-Institut und Chef des Deutschen Klimarechenzentrums, nun ist er Forschungsdirektor am Nationalen Zentrum für Atmosphärenforschung (NCAR) der USA in Boulder/Colorado. Wo liegt der Erkenntnisfortschritt?

»Wir können heute die Entwicklung der Temperaturen präziser berechnen«, sagt er. Mittlerweile sei sich die Zunft fast einig: »Die globale Erwärmung der letzten Jahrzehnte ist ohne menschliche Aktivitäten nicht erklärbar.« Das bestätigt auch ein neuer Report der National Academy of Sciences. Wie stark ist der anthropogene Einfluss? »Er überwiegt deutlich andere Faktoren wie Änderungen der Aktivität von Vulkanen oder der Sonne.«

Sorge bereiten den Klimaforschern die sich selbst verstärkenden Effekte, so genannte tipping points, etwa die schmelzende Eisdecke in der Arktis, deren helle Oberfläche bisher das Sonnenlicht reflektiert und dadurch kühlend wirkt. Das offene, dunklere Meer schluckt mehr Licht, das verstärkt die Erwärmung. Auch das Schwinden der Grönland-Gletscher könnte sich beschleunigen: durch Schmelzwasser, das sich staut und am Boden die Gletschersohlen schmiert, sodass Eis rascher ins Meer rutscht. Der Golfstrom könnte ins Stocken geraten. Er ist Teil einer gigantischen Umwälzpumpe, die Tiefenwasser vom Nord- zum Südpol fördert. Just der Zufluss großer Schmelzwassermengen vom Grönland-Eis könnte Pumpe und Golfstrom zum Erliegen bringen.