War es wirklich so? Das ist die erste Frage der Geschichtsschreibung: War er so, dieser WM-Sommer 06, als sich ein ganzes Land in den Freudentaumel flüchtete und damit sich selbst und alle anderen überraschte? War es das, was wir erlebt haben bei der WM? Der Kanon der neueren Fußballgeschichte BILD

Da liegen sie nun also in den Läden, die Bücher, die das zu fassen versuchen, was im sich ewig ausdehnenden, nie enden wollenden Juni und Juli 2006 passiert ist – die schon wenige Wochen danach den Versuch wagen, jenes Ereignis zu historisieren. Der WM-Sommer 06 war ein Mythos, schon als er sich ereignete. Der Mythos aber, da schlagen Sie noch mal bei Roland Barthes nach, ist das Gegenteil von Geschichte, da gibt es Anfang und Ende, da gibt es Tatsachen und Schurken und Helden und so etwas wie eine Wirklichkeit – und deshalb tun sich auch diese WM-Bildbände so schwer damit, etwas von dem zu erzählen, was sich wirklich ereignet hat.

Denn im Sommer 06 war eben der Mythos wirklicher als die Realität. Das zeigt sich schon beim Cover der Bücher: War das tatsächlich nur ein Sportfest mit schwitzenden, schreienden Männern, haben wir uns all die Wochen also getäuscht? War es gar nicht die nationale Grillparty, die große gesellschaftliche Schaumschlägerei, der Gutelauneplan gegen die wirtschaftliche Flaute?

Nein, auf den Bildern schreit Podolski Klose an, Klinsmann flennt Klose an, und die Italiener halten den verdammten Pokal hoch. Nur auf dem ockergelben Cover der WM-Bibliothek der Süddeutschen Zeitung schleicht sich der Mythos ins Bild, verlegen fast und wie aus Versehen: Da hält eine Hand das Bild der beiden Torhüter Kahn und Lehmann hoch, und dieses Bild ist so viel stärker und wirklicher als der Lehmann, der da tatsächlich steht, im schwarz-rot-goldenen Gewoge vor dem Brandenburger Tor. Das Problem dieser Bücher ist: Sie verlassen sich auf die Fakten und verlieren dabei die Magie.

Dem Kicker - Band gelingt es ganz kurz, mit ein paar seitenfüllenden Fotos, fast kommentarlos gedruckt auf den ersten Seiten, diesen Raum aufzureißen, der Triumph und Tragödie erst möglich macht, der diesem Drama Luft gibt, das sich in den Stadien abspielt und auf den Gesichtern der Fußballer – aber wenn die ersten Spiele kommen und die ersten Statistiken, wenn die Fakten die Erzählung beherrschen, legt sich eine Schwere über diese WM, die sie all die Tage nicht hatte, da sie dauerte.

Sport-Bild gelingt diese Inszenierung mit Abstand am besten, jede Vorrundengruppe hat ein Gesicht, Held oder Verlierer, jedes Spiel hat seine Doppelseite, ein wuchtiges Foto, überprofessionelle, aber verträgliche Statistik und ein Schlaglicht auf eine Persönlichkeit.

Was hier allerdings fehlt, ist die Art, wie das Land schwebte und bebte, die Dramatik, die das Turnier vom Achtelfinale an beherrschte. Hier herrscht ewige Vorrunde – in Monica Lierhaus’ WM-Buch dafür ewiges Elfmeterschießen.