Beirut/Mönchengladbach

Ahmed Khachab ist aus dem Urlaub sicher in seine Heimat Deutschland zurückgekehrt. Mit verbundenen Armen und einem Mullbinden-Turban auf dem Kopf liegt der zehnjährige Junge (Foto unten rechts) in einem Krankenhaus in Mönchengladbach. Deutsche Diplomaten hatten ihn aus der Kampfhölle im Südlibanon gerettet und per Schiff nach Hause gebracht. Besuch auf der Krankenstation bekommt Ahmed außer von seinem Münchner Onkel nur von Fremden. Er weiß noch nicht, warum. Er hat keine Familie mehr.

»Habt keine Angst, sie schießen nicht auf Zivilisten«, hatte Ahmeds Vater noch gesagt am Abend, bevor er starb. Als Ahmed in der Nacht auf die Toilette ging, hörte er plötzlich dieses laute Pfeifen. Dann hörte und sah er nichts mehr. Alles wurde schwarz. Erst als die Nachbarn ihn ausbuddelten und ihn an den Beinen aus dem Schutt zogen, sah er überall Blut. Eine Rakete war in dem libanesischen 10000-Seelen-Dorf Schehur nahe der israelischen Grenze eingeschlagen. Ahmeds Familie, der Vater Mohammed, ein Autohändler, die Schwester Yasmin, Schülerin der Geschwister-Scholl-Realschule in Mönchengladbach, und die schwangere Mutter Nadschwa, sie alle waren sofort tot. Wie es dem Großvater geht, weiß Ahmed nicht. Der Alte war schwer verletzt, als sie ihn ins Krankenhaus brachten. Eine Libanesin flieht mit weißer Fahne aus Beirut BILD

Die toten Khachabs sind drei von bislang 395 Toten, die der Libanon im Krieg zu beklagen hat. Fast alle von ihnen sind nicht Hisbollah-Kämpfer, die Israel auszulöschen gelobt hat, sondern Zivilisten. Die Raketenangriffe und Flächenbombardements der israelischen Streitkräfte zerstören Dörfer und Stadtteile, sie haben eine riesige Flüchtlingswelle ausgelöst. Rund 800000 Menschen sind unterwegs, sie nächtigen auf Straßen, finden Schutz in Wohnungen von Verwandten, in Parks, auf Schiffen im Mittelmeer, im Ausland. Jeder fünfte Einwohner des Viermillionenlandes ist auf der Flucht. Der Krieg aber trifft alle Libanesen, ausnahmslos. Zerbombte Straßen, zerschlagene Kraftwerke, blockierte Häfen – die materiellen Schäden gehen in Milliardenhöhe. Unter dem Bombenhagel platzt der Traum von der Wiedergeburt des früher als »Schweiz des Nahen Ostens« gepriesenen Banken- und Nightlife-Zentrums. Wie verändert der Krieg den Libanon und seine Menschen?

Nach den Luftangriffen blieben nur die Hunde im Dorf zurück

Karim Khatib ist aus dem Paradies in die gezeichnete Stadt zurückgekehrt. Er sitzt vor einem einfachen libanesischen Restaurant im Ost-Beiruter Ausgehviertel Gemayzeh. Vor ihm auf dem Boden liegen seine beiden Hunde friedlich auf dem Boden. Vorige Woche hatte der 29-jährige Unternehmer die beiden aus dem Schuf-Gebirge zurück in die libanesische Hauptstadt geholt. Nach Beginn der israelischen Luftangriffe vor zwei Wochen waren die Hunde die Einzigen, die in Khatibs verwaistem Ökodorf zurückgeblieben waren.

Das war ein Leben, als der Krieg noch ganz weit weg war: eine Idylle zwischen Holzhütten und Beeten mit organischem Gemüse, die Khatib im vorigen Jahr mit Freunden und Helfern angelegt hat. Unter Bäumen, einem sternklaren Nachthimmel – und am Rand des Gebirgsflusses Safa. Seine Gäste sprangen gern in das glasklare Wasser, und abends servierte Khatibs Koch fangfrischen Fisch vom Grill. »Zur Ökologie kam ich vor acht Jahren, ein guter Freund machte mir klar, dass die Menschheit ohne den Erhalt der Natur zum Untergang verdammt ist«, erzählt er. Vier Jahre lang sammelte Karim Khatib Geld, bat Bekannte und Umweltgruppen um Hilfe, um den Traum vom Ökodorf mit Gästehaus im Schuf-Gebirge zu verwirklichen. Für die Fahrt von Beirut in sein Paradies brauchte Khatib in den Friedensjahren kaum 30 Minuten.