Doch selbst in den Rheinbundstaaten begann die Stimmung allmählich umzuschlagen. Der wirtschaftliche Niedergang durch die fatale Kontinentalsperre hinterließ auch hier seine Spuren. Schlimmer aber war, dass Napoleons Kriege in Spanien (seit 1808) und Russland (seit 1812) immer mehr Soldaten forderten. In den Rheinbundverträgen hatte der Kaiser die Pflicht seiner Bundesgenossen zur Heerfolge festschreiben lassen. Die zuvor unbekannte Wehrpflicht war zwar zunächst auf Protest gestoßen. Allmählich aber hatten Rekruten vor allem in den französischen Rheinlanden begonnen, sich mit der napoleonischen Armee zu identifizieren, bot sie doch – anders als die Armeen des Ancien Régime – Chancen auf eine Karriere. Doch seit dem grauenvollen Guerilla-Krieg in Spanien schwand die Zuversicht dahin.

Gerade weil Napoleon stets von Sieg zu Sieg geschritten war, löste die Nachricht über den Untergang der Grande Armée in Russland so großes Entsetzen aus. Bereits zur Jahreswende 1812/13 wussten viele Menschen durch Briefe, Gerüchte und die Erzählungen erster Rückkehrer: Von den Soldaten des größten Heeres, das die Geschichte bis dahin gesehen hatte, war nur noch ein Bruchteil am Leben. So kehrten bloß einige hundert von mehr als 15.000 Württembergern und nicht einmal zehn Prozent der ausgerückten Bayern in ihre Heimat zurück.

Erst jetzt fanden Europas Großmächte zu einer dauerhaften Allianz zusammen. Im Herbst 1813, verstärkt nach der »Völkerschlacht« von Leipzig, wechselten dann auch die Rheinbundstaaten die Seite, nicht ohne sich die Gebietsgewinne der französischen Zeit garantieren zu lassen. Eine Propaganda bisher ungekannten Ausmaßes unterstützte die Mobilmachung gegen Napoleon. Von Theodor Körner bis Heinrich von Kleist war so mancher kleine und große Dichter mit einem Hassgesang dabei, und erstmals rückten auch Freikorps aus.

Doch ein nationaler »Befreiungskrieg«, ein »Freiheitskrieg« gar, waren die antinapoleonischen Kriege nicht. Es waren die Siege regulärer Truppen, die das Schicksal des Kaisers entschieden, und die so genannte Nationalbegeisterung erfasste keineswegs das ganze Volk, sondern nur den vergleichsweise kleinen Kreis der schon in den Jahren der Revolution politisierten Studenten und der protestantischen Bildungsbürger. Allein in Preußen und Teilen Norddeutschlands ging der antifranzösische Furor über diese Gruppen hinaus; doch eher als im Nationalstolz lag der Umschwung hier in den vorausgegangenen Besatzungserfahrungen begründet. Oder in der Treue zum preußischen Königshaus; der Kult um die 1810 so jung verstorbene Königin Luise trieb rasch seltsame Blüten.

Stille Träume von der Wiederkehr der alten Reichsherrlichkeit

Die meisten Menschen sahen im Wechsel der Allianz nicht den Beginn einer nationalen Erneuerung, sondern die Chance auf einen baldigen Frieden.Viele sehnten sich in alte Zeiten zurück oder übten sich in regionalem Patriotismus. Einwohner der alten Reichsstädte träumten von der Wiederkehr vergangener Herrlichkeit, und die früheren vorderösterreichischen Untertanen im Breisgau erhofften sich die Rückkunft des Hauses Habsburg.

Erst spätere Generationen stilisierten die vermeintliche deutsche Erhebung des Jahres 1813 zum nationalen Heldenepos, zum Vorbild für die Kriege ihrer eigenen Epoche – ob nun die Wilhelminer am Vorabend des Ersten Weltkriegs in Leipzig ein düster-gewaltiges Völkerschlacht-Denkmal errichteten oder NS-Propaganda-Chef Joseph Goebbels noch in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs die Ufa Kolberg feiern ließ, den Widerstand der pommerschen Stadt gegen französische Truppen 1807.