Von Loriot stammt die Parole, die dieses Jahr in den Pausengesprächen am Grünen Hügel gerne zitiert wird. Er hatte Tankred Dorst, den Regisseur des neuen Rings in Bayreuth, wissen lassen, dass es höchste Zeit sei, wieder einen »Wotan ohne Aktentasche« auf die Bühne zu bringen. Dem konservativen Teil der Festspielgemeinde sprach er damit aus der Seele. Die drei Nornen in der GÖTTERDÄMMERUNG: Irène Theorin, Janet Collins, Martina Dike (von links) BILD

Denn für sie ist die Aktentasche in der Hand des Göttervaters viel mehr als eine unangemessene Requisite. Sie steht als Hassobjekt stellvertretend für all das, was das »moderne Regietheater« Richard Wagners Werken über Jahrzehnte hinweg angetan hat. Dass seine Stücke an Orten und in Zeiten spielen müssen, die mit den Intentionen des Meisters nichts zu tun haben, dass sie durch Rätselbilder unnötig verkompliziert werden, dass ihr Ernst durch Anstößigkeiten untergraben wird. Eine Trendwende weg von der Übermacht des Szenischen, zurück zur ungestörten Magie der Musik sei im Opernbetrieb immer deutlicher erkennbar, lautet eine gängige Meinung. Auch Christian Thielemann, der Dirigent der neuen Ring- Produktion, hat vor den Bayreuther Premieren forsch erklärt: »Brüche, Kontroversen – ich kann das alles nicht mehr hören. Lasst uns doch einfach mal genießen.« So wird hinter dem Wunsch nach einem »Wotan ohne Aktentasche« die Sehnsucht nach einem schönen, erhabenen, mythischen, fast möchte man sagen: heilen Ring erkennbar – gerade weil die Welt am Ende der Tetralogie in Trümmern liegt.

Genau diesen Ring, den sich die konservativen Geister so wünschen, haben sie nun auch bekommen: Unpolitisch ist die Neuproduktion von Dorst und Thielemann, unpolemisch und unpsychologisch. Sie folgt keinen steilen Thesen und wagt keine visionären Bilder. Sie ist geformt aus dem Geist der Moderne-Abwehr und modellhaft positioniert im Sinne der vermeintlichen Trendwende: Szenisch wird nichts behauptet, dafür klingt alles schön.

Eine seltsame Atmosphäre aus Wohlgefallen und Mattigkeit liegt über den vier Premierenabenden. Bei stehender Hitze im Parkett (die Temperaturen für die Sänger auf der Bühne und die Musiker im Graben müssen schier unerträglich sein) schwitzt man und hört und schwitzt und hört und wird doch nicht richtig froh. Denn wie ein schweres Dampfbügeleisen drückt die Ambitionslosigkeit der Inszenierung auf die Stimmung. Die vermeintliche Wagner-Rettung durch Regiebescheidenheit gerät zu einer Wagner-Beerdigung erster Klasse: Es ertönt ergreifende Musik in gruftigen Räumen. Der Bayreuth-Gründer hat seinen Ring größer gedacht – als Drama, in dem Musik, Dichtung und Theater gleichberechtigt ineinander greifen, sich bedingen und motivieren; als geklittertes Bildertheater, das in metaphorische Überhöhe ausgreift; als Gesamtkunstwerk, das Intellekt und Gefühl gleichermaßen herausfordert und sehr wohl zeitkritische und sozialutopische Perspektiven birgt. Mit purem Musikgenuss ist da noch nichts errungen.

Siegfried und Brünnhilde sind die Sängerelefanten im Wagner-Zoo

Man muss sich nur den freien Helden Siegfried betrachten. Unten im Orchestergraben verleiht Christian Thielemann ihm ganz viel optimistischen Schwung. Übermütig, mitunter geradezu euphorisch lässt er ihn aus Mimes enger Welt hinausstürmen. In der Schmiedeszene akzentuiert er das tolldreiste Burschenstück und weniger die Halbstarken-Aggressivität, die ja auch mit im Spiel ist. Musikalisch erscheint Siegfried als ein energiesprühender Tatmensch, dem man zutraut, die Welt aus den Angeln zu heben. Und Stephen Gould verleiht ihm eine entsprechend kernige, höhensichere Stimme. Aber als Figur, als Bedeutungsträger im Stückkontext, hat er bis in den letzten Götterdämmerungs- Akt hinein die Ausstrahlung eines ausgestopften Kartoffelsacks. Weder der jugendliche Rebell ist in ihm erkennbar noch die von höherer Macht in Gang gesetzte Kampfmaschine, die alles niederwalzt, was sich ihr in den Weg stellt. Er ist weder Bakunins Anarchist noch Nietzsches Übermensch. Das einzig Markante bleibt sein baumrindenhaft verkarsteter, nackter Oberkörper, von dem verfilzte Fasern abstehen. In den großen Liebesszenen, zu denen Thielemann die Musik wahrlich ekstatisch aufrauschen lässt, tappt dieser hohle Ritter von der Kokosnuss auf dem Walkürenfelsen mal hierhin und dorthin, und Brünnhilde dreht sich vor Verzückung behäbig um die eigene Achse – Sängerelefanten im Wagner-Zoo.

Was haben die Bayreuther Festspiele da nur für einen sonderbaren Regisseur verpflichtet? Wer sich an den Ring wagt, so sollte man denken, tritt mit der Furchtlosigkeit eines Drachentöters auf und ist wild entschlossen, sich einen Weg durch Wagners verschachtelte Kosmologie zu bahnen. Davon aber ist bei dem hoch geschätzten, in Ehren ergrauten, 80-jährigen Dramatiker Tankred Dorst, der vor zwei Jahren für den Filmemacher Lars von Trier eingesprungen ist und noch nie zuvor eine Oper auf die Bühne gebracht hat, nichts zu spüren. Offensichtlich wollte er das Riesenwerk eher nachdenklich umkreisen, statt es wirklich zu betreten. So wie er stets freundlich, aber scheinbar unbeteiligt während der ganzen Premierenwoche an der Seite seiner Lebens- und Arbeitspartnerin Ursula Ehler über den Grünen Hügel gelaufen ist, als würde er im Festspielhaus nur nach einer verlegten Brille suchen. Erst nach der Götterdämmerung zeigte er sich vor dem Vorhang, wurde mit Buhsalven und Bravorufen zu annähernd gleichen Teilen bedacht – und war sichtlich verschreckt.