Über dem Eingang der roten Scheune hängt ein Schild aus anderer Zeit: No Irish need apply – Iren brauchen sich gar nicht erst zu bewerben. Das stand bei Protestanten in Neuengland noch bis in die dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts oft an ihre Eingangstore geschrieben. Die irischen Einwanderer waren zunächst unerwünscht, wie auch alle anderen Migrantengruppen, die ihnen folgten. Frank McCourt, Foto vom 4. April 2006 BILD

Frank McCourt liebt Ironie. Wahrscheinlich hat ihn der Spruch jedes Mal lächeln lassen, wenn er seine Schreibscheune betrat. Dort drinnen am Tisch, mit dem Bleistift über ein Schulheft gebeugt, habe er lange gelitten, bis er den längsten Abschnitt seines Lebens in den Griff bekommen hätte, »bis endlich der Tonfall stimmte«.

Jene dreißig Jahre, die McCourt als Highschool-Lehrer in New York erlitten und genossen hat, beschreibt er im dritten Teil seiner Memoiren, die jetzt in Deutschland unter dem Titel Tag und Nacht und auch im Sommer herauskommen. Im Original heißt das Buch Teacherman, und in den USA steht es seit vergangenem Herbst auf der Bestsellerliste. Wie schon mit seinem Erstlingswerk vor zehn Jahren, Die Asche meiner Mutter , füllt er auch jetzt wieder auf seiner Lesereise ganze Sportstadien mit Fans. McCourt gibt sich auch in der Öffentlichkeit so, wie er schreibt: witzig, selbstbelächelnd, melancholisch, manchmal bitter, oft anrührend, ehrlich, ohne sich und anderen zu sehr wehzutun. Wenn man mit ihm spricht, ist auch kein Unterschied zwischen dem öffentlichen und dem privaten Menschen erkennbar. Nie klingt er hochtrabend. Seine Bescheidenheit scheint angeboren. Der Erfolg hat ihn nicht verändert, bestätigen alle, die ihn schon lange kennen. »Großes Glück« habe er gehabt, dass der Erfolg so spät gekommen sei, betont er gern.

Wer die Erinnerungen an seine Kindheit in Limerick las oder deren Verfilmung gesehen hat, hat vielleicht noch die Erkennungsmelodie im Ohr: »Wenn ich auf meine Kindheit zurückblicke, frage ich mich, wie ich überhaupt überlebt habe. Natürlich hatte ich eine unglückliche Kindheit; eine glückliche Kindheit lohnt sich ja kaum. Schlimmer als die normale unglückliche Kindheit ist die unglückliche irische Kindheit, und noch schlimmer ist die unglückliche irische katholische Kindheit.« Als er jene ersten Seiten aufs Papier gebracht hatte, ohne danach je einen Buchstaben zu verändern, liefen die Stimmen in seinem Kopf wie im Kanon zusammen, die Erinnerungsfetzen nahmen Gestalt an. Er drückt es für ihn typisch prosaisch aus: »Ende meiner Verstopfung«, schiebt aber gleich nach, dass es bei ihm schon immer sehr lange gedauert habe, bis er sich selbst näher gekommen sei, »egal ob als so genannter erfolgreicher Memoirenschreiber, als Lehrer oder als irisches Bettlerkind«.

Beim Teetrinken in der zweiten und noch viel größeren, zum Wochenendhaus in Connecticut ausgebauten Scheune sage ich zu ihm, er sei einfach zu liebenswert, eine harte Nuss für jeden, der mehr herausfinden möchte, als er selber schon in seinen Memoiren preisgegeben habe. Kann er das Phänomen Frank McCourt beleuchten? Er lacht, und wenn man seine gepflegten Zähne betrachtet, muss man unwillkürlich an Frankie, den bettelarmen Jungen aus Limerick, denken, die Augen vom Kohlenschleppen dauerentzündet und mit einem Mund voller kaputter Zähne.

Ich bin ein Spätzünder, sagt er trocken

Seine weichen Gesichtszüge, der zwar weiße, aber immer noch volle Lockenschopf über klarblauen Augen lassen ihn jünger erscheinen als 75. Er wirkt zugänglich und offen. Seine Persona deckt sich mit dem Erzähler in allen drei Lebensgeschichten. Er ist authentisch, und er weiß es.