Nichts« hätten sie gemacht, und »nirgends« seien sie gewesen, antworten die Brüder und kriechen nachts zurück ins Bett, wenn der Jüngste aufwacht, fragt und wieder nichts erfährt. Nur weil er zu jung ist. Die Welt ist gemein und ungerecht und zugleich wunderschön, weil er Brüder hat, die ihn zwar mitleidig betrachten, ihn aber lieben. Bei drei Brüdern hats meist der Mittlere am schwersten, bei vier der Vorletzte, bei fünf wird’s unübersichtlich, bei sechs spielt die Gruppendynamik verrückt. Kommt aber gar ein siebter, ist es ratsam, die Chronologie aufzugeben und neu zu ordnen: »der Älteste, der Stillste, der Echteste, der Fernste, der Liebste, der Schnellste und ich« – in dieser Buch-Falle von Bart Moeyaert –, der Jüngste.

Wahre Geschichten aus seiner Kindheit erzählt der 42-jährige Flame, einer der großen Autoren, die, im medialen Zwischenreich des Kinder- und Jugendromans anerkannt, mit Preisen bedacht, sich aber immer am Rande eines Marktes bewegen, der mehr an Lese-Altersangaben als an Literatur interessiert ist. Brüder nennt er seine Sammlung von Momentaufnahmen, selten mehr als vier Seiten lang. Es passiert nicht viel in dieser Familie, ein Ausflug zum Meer, die sieben Brüder hinter die Vordersitze des Autos geschichtet, dazu eine Fahrt in die große Stadt, es sind die Höhepunkte üblicher Action. Und doch geschieht Abenteuerlichstes auf diesen 160 Seiten, wie die Verbrennung einer Kröte, die Verwandlung eines Heizungskessels in ein wildes Tier, die Rettung vor drohender Überflutung des Hauses, drohender Tod durch Ersticken oder ein Überfall auf den Lieferwagen eines Bäckers. Die Gefahren hausen genussvoll im Kopf des Betrachters, und die Kindheit ist die sicherste Zeit, »um sich selbst Angst zu machen«. Ein letztes Mal kann man den Ernst spielen, darf man ausprobieren, wie weit Wunsch und Wirklichkeit auseinander liegen. »Das Herz klopfte uns im Hals, aber unsere Brust war breit.«

Wie Jahreszeiten ziehen die Geschichten durchs Buch, von Winter zu Winter, die Brüder fragen sich, ob manche Menschen wie ihr Vater keinen Geruch besitzen, was falsch daran ist, bösen Nachbarn in den Swimmingpool zu pinkeln oder die Brüste der dicken Mene zu bewundern. Manchmal erscheinen die sieben Brüder wie »ein einziger Bruder mit einem langen Namen«, dann bemerkt der Erzähler wieder den »glasigen Blick«, mit dem ihn seine Brüder betrachten und der ihm sagt, dass er jung ist, sehr jung sogar. Es ist dieser kluge Erzähltrick, dieses Ausdehnen und Zusammenziehen des siebenfachen Alters, der Brüder zu einem zeitlosen Buch für alle macht. Eine Mutter kann es ihrem fünfjährigen Sohn ebenso vorlesen wie ein Zehnjähriger seinem Großvater. Sie werden beide lächeln, aus jeweils anderen Gründen.

»Wenn Frau Stevens kam, schrumpfte das Haus. Unser Vater wurde ein Zwerg, unsere Mutter wog nichts mehr, und meine Brüder und ich verwandelten uns in Vögelchen.« So beginnt die Geschichte von Fräulein Stevens, und so beginnt die Erziehung zur Literatur. Präziser und poetischer lässt sich das Auftauchen der riesigen und doch so bemitleidenswerten Frau nicht fassen. Vielleicht sollte man allein für die folgenden dreieinhalb Seiten schon 15 Euro bezahlen. Bart Moeyaert ist ein Artist des Weglassens, diese liebevollen, unaufgeregten Geschichten existieren immer zur Hälfte im Kopf, den anderen Teil sehen wir jeden Tag in Nachbars Garten. Man braucht nicht notwendig einen Roman, um von der Welt zu erzählen, manchmal genügen auch Miniaturen von Moeyaert, bei dem sich die Welt als eine Aneinanderreihung von Brüdern liest. Erst wenn man sie nicht mehr unterscheiden kann und sie als Einheit empfindet, ist man erwachsen.

Bart Moeyaert: Brüder
Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler; C. Hanser Verlag, 2006; 168 S., 14,90 € (ab 6 Jahren und für alle)

LUCHS 234 wurde ausgewählt von Gabi Bauer, Marion Gerhard, Hilde Elisabeth Menzel, Andreas Steinhîfel und Konrad Heidkamp. Am 3. August, 16.40 Uhr, stellt Radio Bremen-Funkhaus Europa das Buch vor. Das Gespräch zum Buch ist abrufbar im Internet unter www.radiobremen.de oder als /podcast/luchs »

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